Was ist, das bleibt.

Was heute noch überrascht, kann sich morgen schon im Alltag festgesetzt haben. Das kulturelle Gedächtnis entwickelt sich über die Zeit und auch die ungewöhnlichsten Verhältnisse können darin ihren Platz finden. Denn es gilt: Was ist, das bleibt.

 

 

Es war ein sonniger Montag im Pariser Spätmittelalter, als der Barbier François Coupé sein Geschäft betrat. Aus dem hinteren Teil des Geschäftes hörte er das leise Glucken der Blutegel, die auf ihren Tageseinsatz warteten. François warf seinen Mantel über den einzigen Stuhl im Raum und begann mit der morgendlichen Reinigung der Messer und Zangen. Eine gute Stunde später kam der erste Kunde und verlangte einen Aderlass. Das „schlechte Blut“ raubte ihm schon seit Tagen den Verstand. François begann mit der Prozedur und nahm seinem Gast mit routinierten Handgriffen einen großen Becher Blut ab. Wie so oft war auch diesmal das Abbinden der Wunde eine umständliche und schmutzige Angelegenheit. Wiederholt band er dem Herrn die weißen Tücher um den Arm und musste sie wieder entfernen, da innerhalb weniger Sekunden das Blut durch alle Fasern gesogen war. Nachdem François das vierte Tuch fest um den Arm gewickelt hatte, war die Blutung endlich gestillt. Der Kunde wirkte blass, aber entspannt. François trat an sein Waschbecken und begann mit der Reinigung der Tücher. Doch so fest er sie auch schrubbte, sie blieben rötlich gefärbt. François seufzte, ging nach draußen und wickelte sie um den weißen Holzpfahl, der für die Pferde der Lieferwagen am Haus angebracht war.

So oder so ähnlich dürften in der Zeit um 1500 einige Montage in den europäischen Großstädten begonnen haben. Als Berufe noch in weiten Teilen von Zünften und der Kirche geregelt wurden, unterschied sich auch der Beruf des Barbiers noch deutlich von seiner heutigen Form. Es mag unvorstellbar sein, dass vor wenigen hundert Jahren in den Salons der Haarkunst auch das medizinische Handwerk ausgeübt wurde und Barbiere ebenso für Aderlässe, Blutegeltherapien und chirurgische Eingriffe zuständig waren. Doch ebendiesen Tätigkeiten verdanken heutige „Barbershops“ – und in vielen Teilen der Welt auch jeder gewöhnliche Friseursalon – eines der bekanntesten Zunftzeichen: die rot-weiß-blau gestreifte Barbiersäule.

Die Entstehungsgeschichte der Säule reicht genauso weit zurück, wie es unsere kurze Einleitungsgeschichte erzählen kann. Die im Rahmen der medizinischen Tätigkeiten oft blutgetränkten Tüchern wurden zum Trocknen aufgehängt, später wurden aus patriotischen Gründen – in Frankreich wie auch in den USA – blaue Bänder hinzugefügt. Fertig war das universelle Erkennungszeichen für Rasur und Frisur. 

 
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Aus blutigem Holz werden leuchtende Muranoglasröhren, doch das Symbol bleibt. Hier wird geschnitten, rasiert und – ja, heute war es das wahrscheinlich.

Auch wenn die Geschichte an sich einen gewissen Unterhaltungswert besitzt, ist es doch bedeutend spannender, sich mit dem Prinzip der Entwicklung und dem Überdauern des Symbols an sich zu beschäftigen. Viele Tausende GründerInnen von Friseurgeschäften haben die Barbiersäule wahrscheinlich übernommen, ohne zu wissen, welche genaue Bedeutung dahintersteckt. Denn: Es funktioniert! Sie ist zu einem allgemein gültigen Zeichen geworden, das sich in das kulturelle Gedächtnis eingeflochten hat. Und die Barbiersäule ist nur ein Beispiel dafür, wie sich Veränderungen über die Zeit ihren unverrückbaren Platz in der Gesellschaft sichern.

Heute kann man eine ähnliche Entwicklung bei der Verbreitung und Verwendung von Memes feststellen. Wer für die Erstellung dieser Bild-Text-Kombinationen zuständig ist, lässt sich meistens nicht rekonstruieren. Ihre Verselbstständigung verdanken sie allerdings dem Umstand, dass sie den Geist der Zeit treffen, eine Bedeutung und Relevanz besitzen. Verbreitet man ein Bild, fühlt es sich richtig an, schafft Verbindung und Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Die Zeichen und Sprache der Zeit verändern sich, weil Menschen sie benutzen. Man kann also sagen, dass die Zeit nicht nur alle Wunden heilt, sie lässt auch beständig Neues wachsen. Was in seiner Relevanz überdauert, wird Teil des kulturellen Gedächtnisses – auch wenn es einer unbekannten, vielleicht unvorstellbaren Realität entstammt. Wir sollten uns daher Tag für Tag bewusstmachen, dass jede Handlung und auch die Sprache einen Platz einnehmen, den sie möglicherweise für eine lange Zeit nicht mehr verlassen werden.