Stimme des Wandels

Die Zeichen der Zeit standen gegen sie – doch mit ihrer aufrichtigen Persönlichkeit und einzigartigen Stimme konfrontierte Marian Anderson die herrschenden Vorurteile und Ungerechtigkeiten ihrer Zeit.

 

 

Die Türen sind geschlossen

Es war gar nicht so einfach, einen Auftrittsort für Marian Anderson im Herzen von Washington, D.C. zu organisieren. Segregationsgesetze machten es im Jahr 1939 so gut wie unmöglich, einen Konzertsaal zu finden, in dem eine afroamerikanische Sängerin auf der Bühne stehen und gleichzeitig alle MitbürgerInnen im Publikum sitzen konnten. Es half dabei auch nicht, dass Marian Anderson zu diesem Zeitpunkt schon eine außergewöhnliche Popularität erreicht hatte und über die Grenzen des Landes bekannt war. Denn genau an dieser Art der Popularität entzweiten sich die Meinungen der einflussreichen Hauptstadtgesellschaft. Für die einen war Marian Anderson ein Ausnahmetalent, deren Stimme „einzigartig in 100 Jahren“ war; für die anderen war es schlicht eine Frechheit, dass ihr Repertoire auch französische Chansons und deutsche Lieder enthielt. Mit diesem Programm wollte Marian Anderson nun auch im Frühjahr 1939 in der Constitution Hall in Sichtweite des Weißen Hauses auftreten, doch für die Daughters of the American Revolution (DAR), eine Vereinigung, die für die organisatorische Leitung des Konzerthauses zuständig war, stand fest: Sie wird nicht singen! Wir sind ausgebucht. Ja, auch für die nächsten Monate! In diesem Moment schien sich die Geschichte für Marian Anderson zu wiederholen, denn ihr Leben war – und das ist noch eine Untertreibung – eine wiederkehrende Konfrontation mit der Realität amerikanischer Segregationsgesetze und ungerechter Lebenswirklichkeiten.

In den 1930er Jahren, die Bürgerrechtsbewegung hatte noch keine organisierten Formen angenommen, war für afroamerikanische Künstler genau eine Rolle in der Öffentlichkeit zugedacht: die des dummen und ungeschickten Tollpatsches. Und nun stand auf den Bühnen des Landes eine Frau mit royaler Ausstrahlung, die ungeachtet aller Konventionen mit ihrer Stimme Tausende von Menschen in den Bann zog. Es stand für Marian Anderson nie im Vordergrund, mit ihrem Gesang Gesetze und Grenzen einzureißen. Es geschah vielmehr von alleine. Denn ihre Persönlichkeit und Begabung standen im Gegensatz zu allem, was in dieser Zeit gesellschaftlich akzeptiert war und als gewohnt erschien. 

 
mafam.jpg

"Meine Mutter hat mich immer darin bestärkt zu tun was ich möchte." – Die Stärke und Unterstützung ihrer Mutter begleitete Marian Anderson (Mitte) ihr Leben lang. 

Gemeinsam gingen sie den Weg

Viele Menschen haben den Weg von Marian Anderson in besonderer Weise begleitet und unterstützt, doch es wäre wahrscheinlich einiges anders gekommen ohne die uneigennützige Unterstützung ihrer Kirchengemeinde in Philadelphia. Schon als sie im Alter von 6 Jahren Mitglied des Kirchenchores wurde, stach ihr Talent heraus und begeisterte ihre Mitsängerinnen so sehr, dass sie begannen, für den Besuch einer Musikschule Geld zu sammeln. Ihre Mutter, die nach dem frühen Tod des Vaters ihre drei Töchter alleine großzog, hätte dieses Geld als Putzkraft nicht auftreiben können. Und auch wenn es vielen in ihrer Gemeinde finanziell nicht besser erging, war die Gemeinschaft stark genug, um der jungen Sängerin diesen Traum zu ermöglichen. Auch als es ihr ein zweites Mal scheinbar unmöglich schien, einen großen Schritt in ihrer Entwicklung zu machen, stellte sich ihre Gemeinde hinter sie und sammelte 500 $ für den Gesangsunterricht bei dem angesehenen Lehrer Giuseppe Boghetti. Die Kraft ihrer Stimme begeisterte auch ihn ab dem ersten Ton, doch nach ihrer zweijährigen Ausbildung schienen die Opernbühnen in ihrem Heimatland trotz allen Bemühens und Talents weiterhin unerreichbar.

Es war die Flucht nach vorne, die letztendlich den Wendepunkt in ihrem Leben brachte. Nach einer schweren Zeit, in der sowohl ihre Mutter erkrankte und ihre ersten Konzertauftritte keine Beachtung fanden, eröffnete sich ihr die Möglichkeit eines Studienaufenthaltes in London. Europa, so schien es, war zu dieser Zeit der einzige Ort, an dem afroamerikanische Sängerinnen wohlwollende Aufmerksamkeit erhielten. Sie sah die Möglichkeit und eroberte den Kontinent im Sturm.
 

Die beschwerliche Rückkehr

Als Marian Anderson zurückkehrte nach Amerika, hatte sie in den Großstädten aller europäischen Länder für Begeisterungsstürme gesorgt. Die Konzertsäle ihrer Heimat schienen nun zum Greifen nah. Doch nach ihrer Rückkehr bemerkte sie alsbald: Die alltägliche Realität war unverändert. Auf ihren Reisen durch das Land durfte sie nicht in den selben Hotels wie ihre – meist weißen – Begleiter übernachten, an Bahnhöfen musste sie in eigenen Bereichen warten und viele Konzertsäle hielten Klauseln in ihren Verträgen, die besagten, dass nur weiße Künstler auf der Bühne stehen durften. Doch trotz aller Ungerechtigkeiten kritisierte Marian Anderson den allgegenwärtigen Rassismus nie öffentlich, sie wurde auch nicht zu einer Vorreiterin einer Bewegung, doch sie widerlegte die Ausgrenzungen und Unterwerfungen auf ihre eigene Art: Sie führte als ein Beispiel einer neuen Ära.

Denn die Geschichte von Marian Anderson begann nicht mit ihrer Position als Afroamerikanerin in der Öffentlichkeit. Es war ihre Stimme, die Marian Anderson dahin brachte und deren Sog sie sich nicht entziehen konnte. Respekt- und würdevoll, wie wichtige Begleiter und Freunde sie beschrieben, begegnete sie den Umständen. So riss sie die Grenzen des Gewohnten wie selbstverständlich ein. 

 
160501-milnes-marian-anderson-tease_evfico.jpg

Umringt von zehntausenden Zuschauern und einer Vielzahl von Ministern und Richtern, stand Marian Anderson vor historischer Kulisse für ein Zeichen der Veränderung.

Eine neue Zeit beginnt

Als das geplante Konzert im Jahr 1939 in der Constitution Hall in Washington D.C. näher rückte, war klar: Die DAR werden ihre Position, trotz einer breiten gesellschaftlichen Empörung, nicht ändern. Auch First Lady Eleanor Roosevelt war enttäuscht von der Entscheidung und zog daraus zwei Konsequenzen: Sie trat aus den DAR aus und machte sich gleichzeitig stark für einen Auftritt von Marian Anderson an einer anderen Stelle.

Am 8. April 1939, einem kühlen Ostersonntag, hatten sich 75.000 Menschen vor den Stufen des Lincoln Memorials versammelt, als die einzigartige Stimme von Marian Anderson die freiheitslobenden Worte des Liedes „My Country, ´Tis of Thee“ anstimmte und zu einem Symbol wurde für die Freiheit, die Veränderung und die Möglichkeiten in jenem Land, dessen Türen ihr so lange verschlossen waren. Was vielen zuvor unmöglich schien, war ab diesem Zeitpunkt nur der Beginn einer neuen Zeit, denn Vorurteile aufrechtzuerhalten ist außerordentlich schwer, wenn sie sich nicht bestätigen lassen.