Das musikalische Glasperlenspiel

Auf den ersten Blick ist das Werk Ferdinand Förschs ein musikalisches, doch schaut man genauer hin, eröffnet sich in seiner Arbeit ein unübertroffenes Gesamtkunstwerk.

 

 

Mit jeder neuen Tür, die man im Keller des Bürokomplexes im Hamburger Nordwesten öffnet, zeichnen sich die Dimensionen, die das Lebenswerk von Ferdinand Försch einnimmt, nach und nach ab. Vorbei an selbst gezimmerten Holzkisten, die sich kreuz und quer durch den Raum stapeln, erahnt man zunächst nur schwer die Ausmaße. Ferdinand Försch sucht den nächsten Schlüssel aus seinem kleinen Beutel und öffnet das nächste Schloss. Erst jetzt, hinter der letzten Tür, zeigt sich die gesamte Fülle an haptischen Gemälden, Klanginstallationen und – zentral im Raum – seiner selbst gebauten Musikinstrumente. Es ist ein bunter, unbekannter Anblick. Möchte man das umfangreiche Werk erfassen, muss man gleichzeitig den Musiker Ferdinand Försch hinter sich lassen – und den Schlüssel zu seiner Kunst in der Musik suchen.

Es war im Jahr 1981 auf einem Workshop in London mit John Cage und Merce Cunningham, als sich sein Blick auf die Musik und ihre Entstehung komplett veränderte. Cage, das war Zufall und Zwischentöne, ein Lösen von ebenjener geordneten Musik, die ihm seit Jahren an der Musikhochschule in Stuttgart gelehrt wurde. Diese Begegnung befreite Ferdinand Försch aus seinem bisherigen Denken. Auf einmal schien es ihm möglich, alles anders und neu zu denken. 

 
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"Wohin ich auch gehe – ich nehme mich mit."

– Ferdinand Försch (Foto: Jeff Beer)

 

Ferdinand Försch begann, Musik aus einem visuellen Blickwinkel zu betrachten. Dass ihm für diesen Ansatz so manches Mal der Vorwurf gemacht wurde, seine Instrumente seien „zu schön“, nimmt er gerne in Kauf. Die Musikalität der Instrumente entstand mit der Form und wie bei Cage formte auch bei ihm der Zufall die Musik. Mal blieb das Blech gerade, mal wurde es verformt. Am Ende, egal ob Holz oder Metall, war alles spielbar und erzeugte einen einzigartigen Klang.

Die Inspirationen zu seinen Instrumenten kamen Ferdinand Försch dabei oft im Umfeld seiner Reisen. Geht man heute durch den großen Kellerraum, wird der Rundgang schnell zu einer kleinen Weltreise, auf der die verschiedenen Instrumente immer wieder einen direkten Bezug zu einem Ort oder einer Kultur aufweisen. Von der dreiteiligen Harfe, die den Brücken der Stadt New York gewidmet ist und entstand, als Ferdinand Försch zu Gast im Performance-Zentrum „The Kitchen“ war, geht es weiter zur nigerianischen Trommelwand und der Shanghai-Trommelharfe, die die Phonetik der chinesischen Sprache in Musik fasst. „Ich versuche immer eine Verbindung zu schaffen, zwischen mir, den Menschen und den Orten, denen ich begegne“, fasst Ferdinand Försch seine Arbeitsweise zusammen. Es ist ein wiederkehrendes Element in seiner Arbeit, Verbindungen zu schaffen und zu suchen. Wie tief diese Idee in seiner Arbeit verwurzelt ist, zeigt sich bei der Rückkehr in sein Büro.

 

Jedes Material ist spielbar und in jeder Form steckt ein Resonanzkörper. Wie sehr diese Philosophie in Ferdinand Förschs Instrumenten verankert ist, zeigt ein Rundgang durch seine Sammlung.

In den Räumen, die ihm auch als Studio und temporäres Wohnzimmer dienen, fällt der Blick auf die theoretischen Grundlagen all seiner Instrumente und Kunstwerke. Auf den Zeichnungen an der Wand sammeln sich Notenzeilen, Intonierungsformeln und eckige Figuren, die die grafische und musikalische Umsetzung seiner Theorien zu C-A-G-E und B-A-C-H zeigen. John Cage und Johann Sebastian Bach – die beiden zentralen Figuren seines musikalischen Weges und gleichzeitig Schlüssel zu seinem Gesamtkunstwerk. Aus beiden Theorien entwickelt Ferdinand Försch seit fast 30 Jahren seine Instrumente, Modelle, Gemälde und Klanginstallationen.

 
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Von der Theorie in die Realität – Der Übergang zwischen Musik, Form und Modell ist fließend und zeigt die Allgemeingültigkeit der Ideen zu "C-A-G-E". Anfang der 90er-Jahre entwickelte Ferdinand Försch die grundlegenden Theorien seines Werkes. (Fotos: Klanghaus)

Einen Zusammenhang zwischen all diesen verschiedenen Kunstformen herzustellen und die Verbindung in Form einer Theorie zu formulieren, war ein weiterer Entwicklungsschritt nach der Begegnung mit John Cage. „Die Idee und Theorie, dass alles zusammenhängt und sich in ein größeres Bild fügt, hat ja schon Hesse im Glasperlenspiel formuliert“, erklärt Ferdinand Försch. „Doch könnte man sagen, dass bei mir die Theorien auch eine direkte praktische Anwendung finden.“

Diese Verbindungen in seinem Gesamtwerk einmal zu zeigen, bleibt ein großer Wunsch, denn „oft bin ich ja nur der Musiker mit seinen verrückten Instrumenten.“ Bis heute ist der Zusammenhang aber nur schwer zu vermitteln. Es fehlt schlicht und einfach der Raum für das umfangreiche Werk.

Denn die Unmengen an Kisten im Keller erinnern auch an die Realität des Künstlers. Die Zeichen in Hamburg-Wandsbek stehen auf Abschied. Im Dezember 2018 wird das Gebäude, in dem sich Keller und Büro befinden, abgerissen und Ferdinand Försch muss umziehen – wieder einmal. 4 Tonnen Material müssen dann verladen werden. Und ob und wie sie dann wieder aufgebaut werden, ist noch unklar. Denn die öffentliche Unterstützung für ihn und seine Sammlung ist gering. In einer Stadt, die sich gerne mit ihrer Vielzahl an subkulturellen Angeboten rühmt und als künstlerischer Hotspot des Landes gesehen werden möchte, sind Förderungen für Einzelkünstler eine Rarität. Dass es weltweit nur vier oder vielleicht fünf Menschen gibt, die ein ähnliches Werk wie Ferdinand Försch geschaffen haben, ist dabei nicht von Bedeutung. Die Aufmerksamkeit kommt, wenn überhaupt, aus anderen, nicht staatlichen Ecken.

 
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Und das ist noch nicht alles: Der große Traum von Ferdinand Försch ist es, all seine Instrumente, haptischen Gemälde, Klanginstallationen und Modelle an einem Ort, in einem Klanghaus erlebbar zu machen. (Foto: Thomas Fuesser)

Auf dem Weg durch den Keller tauchen die Lichtblicke immer wieder auf. Da sind die Holzkisten, auf denen die Namen der Städte prangen, in denen Ferdinand Försch Station mit der Thalia-Aufführung „Front“ von Luk Perceval gemacht hat, für das er die musikalische und sphärische Untermalung lieferte. Oder die eigens angefertigte Trommel, mit der er im kommenden MTV Unplugged von Samy Deluxe einen Auftritt haben wird. Es sind die Lichtblicke auf der ewigen Suche nach einem Zuhause, in dem das von ihm gegründete Klanghaus als Institution seinem Namen gerecht werden kann – und sein Lebenswerk einen verdienten Platz findet.