Ein Plädoyer für das Fremde

Die Zukunft ist unbekannt und unsicher, die Gegenwart oft auch. Was für die einen ein Grund zur Freude und Aufbruchsstimmung ist, empfinden andere als Gefahr. Doch keine Panik, denn was wir als fremd empfinden, ist oft die Quelle für einen neuen Anfang.

 

 

„Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten.
An keinem wie an einer Heimat hängen.
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen.
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.“

aus Stufen von Hermann Hesse

 

 

Bevor wir beginnen, uns dem eigentlichen Thema zu widmen, müssen wir zuerst einmal ganz ehrlich sein: Etwas als „fremd“ zu bezeichnen, ist eine sehr subjektive Entscheidung. Was für mich fremd ist, kann für jemand anders Alltag bedeuten; wo ich mich wohlfühle, halten Sie es womöglich keine drei Sekunden aus. Daher soll es von hier an auch weniger um das Einzelne gehen, was wir als besonders ungewöhnlich oder abwegig einstufen, sondern vielmehr um die Quintessenz des Unbekannten: Warum wirkt es gleichzeitig anziehend und abstoßend? Und warum sollten wir überhaupt mit dem Fremden in Kontakt kommen, wenn man es in seiner Blase des Bekannten doch so schön sicher und bequem haben kann? Nun, genau darauf soll es heute eine Antwort geben.
 

Der Reiz

Im Jahr 1786 brach am Hof zu Weimar ein Mann zu einer Reise auf, die ihn in den darauffolgenden zwei Jahren an eine Vielzahl unbekannter Orte verschlug und neben einer detaillierten Reisebeschreibung auch einige persönliche Wandlungen bei dem Wandernden hervorrief. Heute entstehen auf den wenigsten Reisen solch ausschweifende Erfahrungsberichte, wie Johann Wolfgang von Goethe sie von seiner Italienreise heimbrachte, doch die Intentionen, die die Menschen heute in die Welt treiben, sind so aktuell wie zu Goethes Zeiten.

Man könnte das Reisen natürlich als den Archetyp des Entdeckens bezeichnen. Und dennoch, eine allgemeine Erklärung, warum der Mensch reist, gibt es nicht. Für den Schriftsteller Alain de Botton liegt hinter dem Aufbruch der Wunsch, die Gewohnheit des Alltags zu verlassen. Man sucht das Aufregende, das Andere und entdeckt dadurch neue Seiten seiner Persönlichkeit. Hinter jeder Ecke vergegenwärtigt sich die Außergewöhnlichkeit des Lebens, die im Nebel der alltäglichen Wiederholungen scheinbar verschwunden war. Doch eine Reise kann auch den Aufbruch in eine sorgenlose, stressfreie Zeit ohne Begegnung mit dem Unbekannten bedeuten, in der sich endlich kulturell geprägte Stereotypen verwirklichen. Denn seien wir ehrlich, was wäre Paris nur ohne die Liebe?

 
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Es geht hoch, es geht runter. In endlosen Wendungen schlängelt sich das begehbare Kunstwerk "Rewriting Stairs" von Olafur Eliasson durch die Luft. Es scheint wie eine Metapher auf den Weges, den wir tagtäglich gehen und hinter dessen Kurven wir nie wissen was uns erwartet. Ein Foto von Hsu-Jen Hang.

Der Gegenreiz

Aber was lässt sich denn eigentlich sagen gegen den Wunsch, Ruhe und Entspannung zu finden? Nichts zu tun, der konstanten Reizüberflutung zu entfliehen – dies sind doch legitime Vorsätze für eine genüssliche Lebenszeit. Ja, wahrscheinlich ist es auch der gesellschaftsfähigere Ansatz. Einen Reiseprospekt, der mit Herausforderungen und dem Unvorhersehbarem wirbt, wird man vermutlich nur in den hinteren Ecken spezieller Fachmessen auffinden. Der Mensch sucht sein Seelenheil und sehnt sich nach kognitiver Entlastung. Begegnet man nun dem Unbekannten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die eigene Weltsicht, gewissermaßen der eigene Soll-Zustand der Welt, mit dem Ist-Zustand konfrontiert wird. Stimmen diese beiden Bilder nicht überein, tritt Dissonanz auf. Und Dissonanz schmerzt.

In der Frage „Wie möchte ich eine Reise verbringen?“ offenbart sich die grundsätzliche Frage in der Auseinandersetzung mit dem Fremden, dem Unbekannten. Stelle ich mich oder gehe ich ihm aus dem Weg? Möchte ich meine sehnlichsten Wünsche erfüllen und gehe dafür Risiken ein, oder möchte ich lieber den Stress und die Unruhe vermeiden? Natürlich ist Letzteres, auf den ersten Blick, die angenehmere Wahl, doch wirft man den persönlichen Veränderungswillen einmal über Bord, kann das fatale Folgen haben.
 

Die Reaktion

„Fortschritt“ – in diesem Wort, abgeleitet aus dem lateinischen pro-gressus, spiegelt sich die grundsätzliche kulturoptimistische Haltung wider, die die westliche Welt seit der Aufklärung prägt. Es verdeutlicht den zu Grunde liegenden Gedanken, dass Neuerungen und Kommendes immer wieder Verbesserungen der Lebensumstände hervorbringen – wir also unaufhörlich Schritte nach vorne gehen. Doch genau dieser Weg nach vorne birgt auch Hindernisse und unerwartete Änderungen, auf die man reagieren muss. Anders gesagt, im Fortschritt liegt das Unbekannte. Das sollte uns jedoch keine Angst machen. Setzen wir uns mit dem Ungewohnten auseinander, so lichtet sich der Nebel der Verschwommenheit und wird freigelegt, was vorher unsichtbar war. Ein neues Verständnis einer komplexen Situation kommt zum Vorschein, eine kreative Neugestaltung eines vorher unlösbaren Problems. Es ist wichtig, dass sich dieser Nebel lichtet, denn erst dann kann man Ideen verstehen, diskutieren, argumentieren, zustimmen oder auch ablehnen. Nichts besteht für immer und alles, was uns anfangs fremd erscheint, kann eines Tages ein Teil unseres Lebens werden. Nicht alles muss man annehmen und verstehen, doch die Empfänglichkeit für das Unbekannte ist der Schlüssel zum Verständnis. Denn nur durch offene Türen gehen Menschen.