Brüche, wir brauchen Brüche!

Oder: Warum wir vielleicht nicht auf die nächste große Veränderung warten sollten. 

 

 

Irgendwie passt es nicht mehr. Da versucht man doch wirklich, eine dreidimensionale Wirklichkeit auf eine zweidimensionale Fläche zu pinseln – und aus schrägen Linien eine Perspektive entstehen zu lassen. Das geht ja vorne und hinten nicht zusammen. Gibt es denn keine Möglichkeit, mit der wir mehr als eine Perspektive wagen können?

Gedanken vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Unter dem Einfluss des industriellen Fortschritts veränderte sich die Sichtweise auf die Welt und ihre vom Realismus geprägte Kunst. Die Denker – nennen wir sie Cézanne, Braque, Picasso – wollten die Welt neu sehen, sie entschlacken, einen multidimensionalen Blick auf die Wirklichkeit erschaffen. War die erlösende Idee, diese Welt auf drei grundlegende Formen – Würfel, Kugel und Kegel – herunterzubrechen, wie sie auch in den allgegenwärtigen Maschinen steckten?

Die Wirklichkeit in abstrakte Formen aufzulösen, war zu diesem Zeitpunkt ein unvorstellbarer Bruch mit dem Status quo. Der Kubismus, wie die Strömung bald genannt wurde, löste sich von allen bis dahin als allgemeingültig angenommenen Darstellungsformen. Die Kunst lenkte auf eine nichtsachliche, abstrakte Bahn ein und befreite sich von der Wirklichkeit. Doch nicht nur die Kunst wurde zu diesem Zeitpunkt revolutioniert. Bis heute sind in Architektur, Musik und Design die Auswirkungen dieser Veränderung in Form von Abstraktion und Reduktion sichtbar und spürbar.

Etwas mehr als 100 Jahre später kann man sich gut und gerne die Frage stellen: Und wann kommt denn nun der nächste Bruch? Der, der alles Gewohnte mal wieder über den Haufen wirft und unseren Blick auf die Welt in ungeahnter Form in Frage stellt. Stellen wir hier eine gewagte These auf: Diesen großen Bruch darf man nicht mehr erwarten.

 
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Leonardo Basquiat? Jean-Michel da Vinci? In den Collagen von Milen Till sind die Brüche erkennbar. Doch sie zeigen auch, wie aus Vergangenem scheinbar perfekt etwas neues entstehen kann.

Denn bei aller globalen Vernetzung, die Welt ist kleinteiliger geworden. Elitäre Zirkel, die im Alleingang einen gesamtgesellschaftlichen Geschmack prägen können, wie es um 1900 der Fall war, gibt es nicht mehr. Natürlich, könnte man hier entgegensetzen, sickern zum Beispiel die Stile internationaler Top-Modedesigner auch heute über kurz oder lang in die Massenregale durch – und das kommt der Art und Weise der Trendbestimmung von damals schon recht nah –, doch zum einen lassen sich diese Trends nicht einfach so 1:1 auf andere Bereiche übertragen, und zum anderen sind gegenwärtige Trends von Balenciaga & Co. weniger ein Bruch mit dem Status quo als ein Revival der Mode aus den 80er-Jahren. Und ein „Zurück auf Start“ ist noch lange kein revolutionärer Neuanfang. 

Ein weiteres Argument, das sich der These des großen Bruchs entgegenstellt, liefert uns das „Zukunftsinstitut“ – auch wenn es dort wahrscheinlich das Gegenteil bestätigen soll: „Wer Entscheidungen trifft, muss diese Megatrends kennen.“ Was auf den ersten Blick logisch klingt – Entscheidungsträger müssen das große Ganze im Blick behalten –, unterliegt allerdings einem grundlegenden Irrtum. Megatrends geben uns das Gefühl, dass die Zukunft berechenbar ist und Entwicklungen einem unausweichlichen, vorherbestimmten Weg folgen. Wer Entscheidungen jedoch auf Basis von Megatrends trifft, handelt nicht nach den eigenen Gefühlen und Überzeugungen – ganz im Gegenteil: Er oder sie hakt nur die To-do-Liste einer selbsterfüllenden Prophezeiung ab. Auch das ist kein Bruch mit der Gegenwart und dem Gewohnten, sondern ein Abarbeiten des scheinbar Sicheren. Überraschend Neues ist dabei nicht zu erwarten.

Ein letzter Punkt, der unsere These untermauern soll, nimmt noch einmal Bezug auf die gegenwärtige Geschwindigkeit von Innovationen und Veränderungen. Denn wer sich ständig und ununterbrochen neu erfindet, geht über kurz oder lang an der eigenen Geschwindigkeit zu Grunde. Die Angst davor, von anderen überholt zu werden oder einen Trend zu verpassen, nimmt den Raum ein, der für wirklich grundlegende und initiative Veränderungen unabdingbar ist. Wie wäre es hier also mit etwas Ruhe und Unaufgeregtheit? Und damit einem möglichen Ausgangspunkt für eine Veränderung?

Diese Höchstgeschwindigkeit mit Langsamkeit zu durchbrechen heißt nicht, sich in eine gemachte Welt der PR-Achtsamkeit fallenzulassen (gab es da nicht auch einen Megatrend?). Für diese allgemeine, gewissermaßen entspannte Ignoranz hat die deutsche Sprache ein wunderbares Wort auf Lager: Langmut. Sich dem Kommenden mit großer Geduld hinzugeben ist hier die implizite Vorgabe. Klingt fremd? Allerdings! Doch mit diesem Gefühl mussten die Kubisten ja auch leben.