Dem Unmenschlichen auf der Spur

Warum hat er oder sie so gehandelt? Wo ist der Zusammenhang? Mit solchen und ähnlichen Fragen setzt sich Christian Schulz tagtäglich auseinander. Als Fallanalytiker der Polizei Berlin spürt er Serientäter auf und versucht, ihre Handlungsmuster zu erkennen. Im Interview beschreibt er den schmalen Grat zwischen Verstehen und Nachvollziehen einer Straftat und warum es dabei wichtig ist, immer einen klaren Kopf zu behalten.

 

Auf Ihren Tischen landen nicht die „gewöhnlichen“ Fälle, meistens handelt es sich um Mord- oder Sexualdelikte. An welchem Punkt befinden sich Ihre Kollegen, wenn Sie mit Ihrer Arbeit anfangen?

Zunächst mal versuchen die Ermittler, mit ihren herkömmlichen Ermittlungsmethoden den Fall zu lösen. Dazu gehören Zeugenbefragungen, Hausermittlungen, Spurensuche, technische Auswertungen. Kommt dann der Punkt, an dem man nicht mehr weiterkommt und denkt, alles ausgereizt zu haben, wird als einer der letzten „Strohhalme“ die OFA um eine Fallanalyse gebeten.
 

Welche sind dann Ihre ersten Schritte, um sich den oft schrecklichen Taten zu nähern?

Das Wichtigste ist gerade dort, wo es keine Überlebenden gibt, die Tat erst mal zu rekonstruieren. Bei Sexualdelikten wie Vergewaltigungen haben wir den Vorteil, dass wir überlebende Opfer haben, die uns sagen können, was passiert ist. Denn die größten Fragezeichen sind ja erst mal: Was ist passiert? Dazu teilen wir die Tat in einzelne Sequenzen auf, von der Kontaktaufnahme zwischen Täter und Opfer, oder dem Einbruch ins Objekt, bis hin zur Flucht. Dann nehmen wir zum Beispiel die Tatsequenz „Angriff auf Opfer“ und versuchen das dann nicht nur zu rekonstruieren, sondern auch die einzelnen Handlungsstücke zu analysieren.
 

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Bei einer Leiche mit 8 Messerstichen ist noch relativ einfach zu sagen, was passiert ist: Der Täter hat acht Mal zugestochen. Wenn ich aber eine heruntergelassene Jalousie in der Wohnung habe, dann weiß ich nicht, war das jetzt eine Täterhandlung oder war das eine Opferhandlung kurz vor dem Tod. Und das ist wichtig! Bevor wir etwas falsch einordnen, lassen wir es lieber weg.

 

Wohin sein Weg führt ist uns nicht bekannt. Wohl aber der Fotograf des Bildes: Manuel Meinhardt. Der in Berlin lebende Kameramann, Bildgestalter und Cinematographer hat das Bild auf einer seiner Reisen in Osaka aufgenommen. Die Zusammenhänge zwischen Menschen, Licht und Stimmungen sind ein wiederkehrendes Motiv in seinen Arbeiten.

Welchen Unterschied zur „normalen“ Ermittlung gibt es bei Ihrer Arbeit?

Die Mordkommission muss jeder Information und jedem Hinweis nachgehen. Irgendwann bildet sich bei dem ein oder anderen ein Bild der Tat, ein Bild des Täters im Kopf. Das ist nicht nur normal, sondern muss ja auch so sein. In der Fallanalyse ist das wichtigste der drei Grundprinzipien Objektivität, Teamansatz und Verschriftlichung die Objektivität: Das heißt, man lässt sich von einer Tat emotional nicht beeinflussen und bleibt in seinem analytischen Denken neutral. Wir bilden dann mehrere Hypothesen. Die Hypothese, die für uns am wahrscheinlichsten ist, können wir dann auch am besten begründen. Ob das dann der Zufallstäter war oder der Bekannte, ist uns völlig egal. Wir sind da „leidenschaftslos“.
 

Wenn Sie das festgestellt haben, wie kommen Sie dann auf die Hintergründe der Taten?

Die Basis unserer Arbeit ist, dass jedes Verhalten Rückschlüsse auf die jeweiligen Bedürfnisse des Täters zulässt und somit auf seine Motivation. Das heißt, man versucht vor allen Dingen, die einzelnen Entscheidungen des Täters nachzuvollziehen. Wieso hat er sich zu diesem Zeitpunkt so entschieden – und fast noch wichtiger, warum nicht für die anderen Handlungsmöglichkeiten?
 

Mit welchen Bedürfnistheorien arbeiten Sie dabei? Entstehen diese aus dem Fall heraus oder gibt es da bestehende Theorien?

Für die Hauptmotivation gibt es vier Motivformen, die man im Ausschlussverfahren prüft. Es war kein Raub, es war keine sexuelle Motivation, es war kein persönliches Motiv – wenn wir das alles relativ gut ausschließen können, bleibt am Ende das sogenannte nichtspezifische Motiv, was wir alle nicht so richtig nachvollziehen können. Wo keiner weiß, wieso, weshalb, warum das eigentlich passiert ist.
 

Wie nah ist man in diesem Fall noch an den Gedanken der Täter dran? Muss man „ähnlich“ denken wie die Täter, um Strukturen und Handlungen zu rekonstruieren?

Man versucht dann tatsächlich, sich ein bisschen in den Täter hineinzuversetzen, aber das heißt noch lange nicht, dass man alles versteht, was er da gemacht hat. Manche Dinge kann man einfach nicht verstehen, weil es Erfahrungswerte sind, die wir – ein Glück – noch nie gemacht haben. Er trifft somit eine Entscheidung, die wir rational nicht nachvollziehen können, aber das ist auch wiederum eine wichtige Information für uns. Die meisten Taten sind ja nachvollziehbar, weil jemand Geld wollte und es Streit gab. Aber manchmal stirbt einfach ein Mensch und keiner weiß, warum. Hier beginnt die wirkliche Arbeit.
 

Wie schaffen Sie dabei Abstand zu den Taten?

Ich sehe es als Herausforderung, diese schrecklichen Taten mit unserer Methodik klären zu können. Ich war vorher 8 Jahre bei der Mordkommission, das heißt, ich kannte dieses Thema schon und hab da auch viel erlebt hier in Berlin. Man merkt, glaube ich, schon nach einem halben Jahr: Das ist nichts für mich, das nehme ich mit nach Hause und belastet mich extrem. Entweder man kann das oder nicht.
 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schulz.