Alles kann, nichts muss.

Diversität im gesellschaftlichen Zusammenleben ist eine oft scheinbar unerreichte Wunschvorstellung. Doch was heißt es eigentlich, Diversität zu leben – und muss man sie überhaupt leben?

 

 

Wenn wir uns die Feuilletons großer Zeitungen oder die Diskussionsrunden öffentlicher Fernsehsender ansehen, ist es vor allem ein Thema, das Mal um Mal die Gemüter erhitzt: die Frage nach der Diversität. Was für die einen das große Übel und Inbegriff einer untergehenden Gesellschaft ist, beschreibt für die anderen den einzigen Ausweg aus eben dieser, ja ihre wahre Bestimmung. Diese Gegensätzlichkeit, die das Schlagwort „Diversität“ im aktuellen Diskurs hervorruft, ist jedoch überwindbar, wenn man sich in der Auseinandersetzung drei Fragen beantwortet: Was genau ist Diversität eigentlich? Brauchen wir diese Diversität? Und muss mir das alles gefallen? Aber der Reihe nach.

Es beginnt natürlich mit der scheinbar einfachen Begriffsdefinition und Verwendung des Wortes. Grundsätzlich bezeichnet Diversität in einer Gesellschaft nichts anderes als ein gemeinsames Auftreten von Unterschiedlichkeiten, egal ob in Form von Geschlecht, Alter, Religion, aber auch Lebensstil, Dialekt oder Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht – die Übergänge sind oft fließend. Schnell läuft man dann jedoch Gefahr, als divers nur das zu benennen, was vom eigenen Verhalten und den eigenen Vorlieben abweicht. Doch das ist nur die halbe Miete, denn jeder Mensch gehört gleichzeitig mehreren sozialen Gruppen an, identifiziert sich mit deren Verhaltensweisen, Ansichten oder auch Lebenszielen. Schaut man dabei nur auf die anderen, vergisst man leicht, dass auch das eigene Verhalten und Denken zur gesellschaftlichen Diversität beiträgt. Die Frage, ob wir Diversität denn eigentlich brauchen, wirkt unter diesen Vorzeichen daher geradezu paradox. Denn ob wir sie brauchen, darüber müssen wir nicht streiten. Sie ist bereits allgegenwärtig.

Als Beispiel für gesellschaftliche Diversität werden oft und gerne die Soziotope hipper städtischer Szenebezirke ins Schaufenster gestellt. Und natürlich lassen sich dann anhand von Hafer-Avoccino und Pastrami-Sandwich die extremen Auswüchse unterschiedlicher Lebensstile wunderbar illustrieren. In seiner gesellschaftlichen Diversität braucht sich der ländliche Raum jedoch auch nicht zu verstecken. Ob man zwischen Feld und Fachwerkhaus nun dem geschiedenen Bäcker, der fanatischen Bio-Bäuerin oder dem erzkatholischen Pfarrer begegnet, sie alle tragen zu dem bei, was wir eine diverse Gesellschaft nennen. Und wie auf einem Feld ein buntes Biotop aus Pflanzen und Insekten sich gegenseitig Nährstoffe, Schutz und Symbiosen anbietet, so braucht auch eine Gesellschaft unterschiedliche Menschen und Ideen, um sich gegenseitig ein Leben zu ermöglichen. 

Wenn wir uns die Feuilletons großer Zeitungen oder die Diskussionsrunden öffentlicher Fernsehsender ansehen, ist es vor allem ein Thema, das Mal um Mal die Gemüter erhitzt: die Frage nach der Diversität. Was für die einen das große Übel und Inbegriff einer untergehenden Gesellschaft ist, beschreibt für die anderen den einzigen Ausweg aus eben dieser, ja ihre wahre Bestimmung. Diese Gegensätzlichkeit, die das Schlagwort „Diversität“ im aktuellen Diskurs hervorruft, ist jedoch überwindbar, wenn man sich in der Auseinandersetzung drei Fragen beantwortet: Was genau ist Diversität eigentlich? Brauchen wir diese Diversität? Und muss mir das alles gefallen? Aber der Reihe nach.

Es beginnt natürlich mit der scheinbar einfachen Begriffsdefinition und Verwendung des Wortes. Grundsätzlich bezeichnet Diversität in einer Gesellschaft nichts anderes als ein gemeinsames Auftreten von Unterschiedlichkeiten, egal ob in Form von Geschlecht, Alter, Religion, aber auch Lebensstil, Dialekt oder Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht – die Übergänge sind oft fließend. Schnell läuft man dann jedoch Gefahr, als divers nur das zu benennen, was vom eigenen Verhalten und den eigenen Vorlieben abweicht. Doch das ist nur die halbe Miete, denn jeder Mensch gehört gleichzeitig mehreren sozialen Gruppen an, identifiziert sich mit deren Verhaltensweisen, Ansichten oder auch Lebenszielen. Schaut man dabei nur auf die anderen, vergisst man leicht, dass auch das eigene Verhalten und Denken zur gesellschaftlichen Diversität beiträgt. Die Frage, ob wir Diversität denn eigentlich brauchen, wirkt unter diesen Vorzeichen daher geradezu paradox. Denn ob wir sie brauchen, darüber müssen wir nicht streiten. Sie ist bereits allgegenwärtig.

Als Beispiel für gesellschaftliche Diversität werden oft und gerne die Soziotope hipper städtischer Szenebezirke ins Schaufenster gestellt. Und natürlich lassen sich dann anhand von Hafer-Avoccino und Pastrami-Sandwich die extremen Auswüchse unterschiedlicher Lebensstile wunderbar illustrieren. In seiner gesellschaftlichen Diversität braucht sich der ländliche Raum jedoch auch nicht zu verstecken. Ob man zwischen Feld und Fachwerkhaus nun dem geschiedenen Bäcker, der fanatischen Bio-Bäuerin oder dem erzkatholischen Pfarrer begegnet, sie alle tragen zu dem bei, was wir eine diverse Gesellschaft nennen. Und wie auf einem Feld ein buntes Biotop aus Pflanzen und Insekten sich gegenseitig Nährstoffe, Schutz und Symbiosen anbietet, so braucht auch eine Gesellschaft unterschiedliche Menschen und Ideen, um sich gegenseitig ein Leben zu ermöglichen.

 
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Grapefruit von Damian Hirst (2016) - Nuancierte Unterschiede in jedem einzelnen Farbpunkten zeugen von der Individualität des Einzelnen, aber auch dem Gemeinsamen das in allen wiederkehrt. Nebeneinander und oft miteinander legt sich das weiche Geflecht über das Chaos und die Unberechenbarkeit.

Dass die Begegnung zwischen den beiden beschriebenen Welten jedoch meist nur indirekt durch mediale Berichterstattung oder das „Stille Post“-Prinzip erfolgt, mag auch ein Grund dafür sein, weshalb das Thema Diversität so kontrovers geworden ist. Und wenn man mit den allgegenwärtigen Unterschieden konfrontiert ist, stellt sich auch die dritte Frage: Muss mir das alles gefallen? Wird mir die Diversität aufgezwungen? Die kurze Antwort ist natürlich: Nein. Die längere Antwort bedarf eines kleinen Umwegs: Die Mär vom rationalen Menschen (und seiner allseits optimalen Entscheidungsfindung) möchten wir an dieser Stelle nicht weiter vertiefen. Eine passendere Theorie im Umgang mit der Diversität finden wir im menschlichen Bestreben, die eigene kognitive Dissonanz zu reduzieren. Unterschiedliche Lebens- und Verhaltensweisen zu erleben bedeutet gleichzeitig, mit seinem eigenen Verhalten und der Suche nach einem Vorteil – sei es finanziell, sozial oder kulturell – konfrontiert zu sein. Trifft man nun auf unterschiedliche Lebensweisen, kann dies das eigene Denken irritieren und einem das Gefühl geben, mit den eigenen Vorlieben alleine zu sein. Schuld daran haben allerdings in diesem Fall weniger die MitbürgerInnen, die „anders“ leben, als das eigene – wahrscheinlich – nicht sonderlich ausgeprägte Selbstwertgefühl.

Andere Lebensstile, Vorlieben oder Interessen muss man ebenso wenig übernehmen, wie man auch nicht jedem neuen Trend hinterherlaufen muss. Auch für mich – aus meiner großstädtischen Blase – war der Anblick eines Avoccino für 3,80 € mehr als befremdlich und ich dachte zumindest einen Moment daran, den Kaffee aus seiner Zwangsehe mit einer Avocado zu retten. Doch letztendlich tut es mir auch nicht weh, wenn nun jemand diese kulinarische Schöpfung trinken möchte. Und ob nun jemand gerne eine halbe Avocado in seinen Milchschaum rührt, an einen Gott glaubt oder jeden Tag seinen Wagen waschen will – all das gilt es zu akzeptieren. Es zu mögen oder mir zu eigen zu machen, davon kann allerdings keine Rede sein.

Einen Versuch des Verständnisses sollte es jedoch wert sein. Denn das Gespräch und Eintauchen in fremde Gedanken ist der erste Schritt, aus einer unbekannten Gemeinschaft eine bekannte zu machen. Und wenn ich dann verstanden habe, dass es für meine Freundin eine geschmackliche Wohltat ist, ihren grünen Milchschaum zu genießen, kann ich immer noch gerne zur Cola greifen. Das verstehen manch andere ja auch nicht.