Sag mir, was ist Schönheit?

Die Formel der Schönheit wird immer wieder von einer mathematischen Konstante bestimmt, doch kann es sein, dass der eigentliche Schlüssel zur Beantwortung der Frage „Was ist schön?“ in einem unbekannten Element steckt?

 

 

Man könnte die Frage nach der Schönheit natürlich ganz unromantisch beantworten, die Antwort wäre dann 1,618. Ganz egal, ob sich dabei um einen architektonischen Entwurf oder eine grafische Gestaltung handelt – man rechnet schnell durch, setzt alle Längen ins Verhältnis und ist auch schon fertig! Doch selbst wenn die mathematische Konstante Phi das Proportionsverhältnis bestimmt, was landläufig als der Goldene Schnitt bekannt ist, kann sie keine Erklärung dafür geben, warum der Mensch andererseits Gefallen findet an Unregelmäßigkeiten und abweichenden Proportionen.

Die Suche nach der Formel, die eine universelle Erklärung für das Schöne in der Welt geben kann, ist ein philosophischer Dauerbrenner. Die Vorstellung, dass es hinter dem Sichtbaren der Welt eine höhere Ordnung gibt, die alles Bestehende verbindet, ist seit den hitzigen Diskussionsrunden im alten Athen ein wiederkehrendes Gesprächsthema. Auch Platon ließ den Geist Sokrates’ im Dialog mit „Hippias maior“ über die Frage diskutieren: „Was ist Schönheit?“. Doch während Hippias versucht, den Begriff pragmatisch durch das Sichtbare und die Lüste in Augen und Ohren zu erklären, steht ihm Sokrates mit seiner abstrakteren Sichtweise gegenüber, die die menschliche Lust und die damit verbundene Suche nach dem Nützlichsten als schädlich ansieht. So endet letztlich auch dieses Werk Platons, ohne eine abschließende Antwort zu geben.

Doch auch wenn die große Einheit bis heute nicht auf eine Formel festzulegen ist, wollen wir uns mit diesem Beitrag nicht in Platons aporetische Tradition einreihen, sondern einen Blick auf eine wiederkehrende, nicht berechenbare Komponente in der Schönheitsfrage werfen: den Menschen.

 
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Auch für Obst und Gemüse gilt: Alles raus was nicht der Norm entspricht. Unregelmäßigkeiten und ungewöhnliche Formen gelten als Makel und werden höchstens in verarbeiteter Form verkauft. Der Fotograf Brian Finke fotografierte für National Geographic eine Sammlung von unförmigem Obst und Gemüse.

Einmal müssen wir dabei jedoch noch auf die Worte Sokrates‘ zurückkommen, waren einige seiner Ideen doch nicht so weit von der modernen Hirnforschung entfernt:

 

 
„[...] So glaube ich jetzt gleich auch schon wieder etwas ausgesonnen zu haben. [...] Weil doch schöne Menschen, o Hippias, und so auch alle Kunstwerke, Gemälde und Bildnereien, wenn sie schön sind, uns ergötzen, wenn wir sie sehen, so auch schöne Töne, die gesamte Musik und Reden und Dichtungen bewirken eben dasselbe. So dass, wenn wir jenem verwegenen Menschen antworten: „Teuerster, das Schöne ist das durch Augen und Ohren uns zukommende Angenehme.“ [...]

– Hippias maior, 298a

 

 

Den Punkt, den Platon mit diesen Worten getroffen hat, ist, dass es unser Gehirn grundsätzlich gemütlich und übersichtlich mag. Fügt sich ein Gebilde aus Buchstaben, Linien oder Flächen gut ineinander, so erleichtert das die Arbeit des Gehirns, diese Informationen auszuwerten. Betrachten wir jedoch ein Bild oder einen Gegenstand, wo Gegenpole und Ordnung nicht vorhanden sind, verlieren sich unsere Gedanken in den unendlichen Details – die Ordnung muss dann vom Gehirn vorgenommen werden. Da man davon ausgehen darf, dass der Aufbau des Gehirns vor gut 2300 Jahren nicht sonderlich von unserem heutigen abwich, beschreibt Platon also nur die natürliche Begrenzung kognitiver Fähigkeiten. Doch auch wenn Einheit und Ordnung unser Leben erleichtern und wir diese dann als angenehm empfinden, hat der hohe Grad an Berechenbarkeit ein Problem: Er schlägt schnell in Langeweile um. Wenn die Gedanken nicht aufs Neue anregt werden, verliert das Gewohnte an Anziehungskraft. Unregelmäßigkeiten und unbekannte Elemente stoppen diese Abwärtsspirale und erzeugen Aufmerksamkeit.

Die Basis der Symmetrie und Ordnung ist allerdings notwendig, um überhaupt Aufregung erzeugen zu können. Warum wir also Unregelmäßigkeiten als schön empfinden und uns nicht ausschließlich der Gleichförmigkeit und Verhältnisperfektion hingeben, liegt im Wunsch nach Anregung und Neuentdeckung begründet. So wie der Mensch weit entfernt ist von Perfektion und dadurch einzigartig wird, so machen die Unregelmäßigkeiten in der Perfektion das Besondere aus und erzeugen gewissermaßen Schönheit durch Menschlichkeit.