Eine kurze Geschichte des Bildes - Teil 2

Über alle Epochen hinweg hatten Bilder die Kraft, Denkweisen und Vorstellungen zu prägen und ein Abbild der eigenen Realität zu hinterlassen. Jede Form der Darstellung war aber immer auch ein Spiegelbild der zu jener Zeit verfügbaren technischen Möglichkeiten, eben diese Gedanken sichtbar zu machen. 

 

 

1515 – Im Holz

Ein „Entrepreneur“ seiner Zeit, der die besten verfügbaren Techniken zu nutzen wusste, war Albrecht Dürer. Sein fortschrittlicher Geist ermöglichte es ihm, gesellschaftliche Vorstellungen über viele Jahrhunderte zu prägen. Die längste Zeit der menschlichen Geschichte wurden Darstellungen realer Orte, Menschen oder der Natur nur durch Zeichnungen übertragen, die oft wiederum abgezeichnet und nicht selten mit der Vorstellungskraft des Künstlers angereichert wurden. Bei dieser Art der grafischen „Stillen Post“ ist es nicht verwunderlich, dass Realität und Fantasie nach und nach verschwammen. Ein wunderbares Beispiel dieser Informationsübertragung ist die Zeichnung eines „Rhinocerus“ von Albrecht Dürer.

Als die portugiesischen Eroberer ein Nashorn aus dem fernen Indien nach Europa verschifften, versetzte es sogleich einen ganzen Kontinent in euphorische Begeisterung. Erinnerungen an die Zeiten römischer Saturnalien wurden geweckt. Beschreibungen und Zeichnungen des exotischen Geschöpfes machten in Europa die Runde und erreichten im fernen Nürnberg auch Albrecht Dürer. Welche Zeichnungen ihn dort erreichten, lässt sich nicht mehr zurückverfolgen. Er sah sich allerdings durch sie veranlasst, seine eigene Vorstellung von einem Nashorn mit der damals neuen – und günstigen – Form des Holzschnitts zu verbreiten.

Dürers „Rhinocerus“ verbreitete sich so in kürzester Zeit und wurde bis zum Tod des Malers ca. 5.000 Mal verkauft. Diese Entwicklung ist doppelt spannend, da Dürer nicht nur sein gedankliches Bild von einem Nashorn zur Realität vieler machte, sondern auch den Holzdruck aus seiner ursprünglichen Bestimmung als Buchillustration herausführte und eine neue Kommunikationsform bedeutsam prägte. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen hielt sich die Darstellung Dürers bis in das 17. Jahrhundert. Und Menschen, die keinen Zugang zu den Drucken oder wissenschaftlichen Bänden hatten, erfuhren wiederum aus Geschichten und Erzählungen von der unbändigen Kraft und Stärke des Tieres. Die Entstehung mythischer, wilder Fabelwesen war von hier nur noch einen kleinen Schritt entfernt. „Alternative Fakten“ sind also mitnichten ein Phänomen der heutigen Zeit. Doch wo man früher auf die Erfahrungen anderer vertrauen musste, können heute ohne große Erklärung Tausende Fotografien eine Behauptung unterstreichen oder widerlegen. Dies verdanken wir den Pionieren der Fotografie-Entwicklung.

 
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Ein Bild für Generationen: Dürers „Rhinocerus“ hielt sich bis ins 17. Jahrhundert hinein in wissenschaftlichen Publikationen als Verbildlichung des exotischen Tieres.

1826 – Auf dem Foto

Bis jetzt fiel in unserer Geschichte der Begriff „Bild“ immer wieder ohne große Erklärungen. Vermutlich wussten Sie sofort, was mit dem Wort gemeint war. Denn heute bezeichnen wir als Bild jede Abbildung von Menschen oder Landschaften, aber auch Gemälde und Zeichnungen. Unabhängig davon, ob dieses Bild digital oder analog dargestellt wird, führen die Ursprünge zurück zu den Pionierarbeiten einer Reihe von Wissenschaftlern. Die bedeutendsten unter ihnen: Joseph Niépce, Louis Daguerre und William Henry Fox Talbot. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verfolgten die drei unterschiedliche Wege mit dem gemeinsamen Ziel, den vergänglichen Moment in seiner echten, unverstellten Form festzuhalten. Keine Vorstellungen, keine Wünsche sollten mehr die sichtbare Realität trüben. Es war die wahrscheinlich größte Veränderung in der Geschichte der menschlichen visuellen Kommunikation.

Der ökonomische Faktor war anfangs jedoch durchaus bedeutend und ermöglichte es nur einem Teil der Gesellschaft, die neuen Techniken zu nutzen. Einer der ersten, der nicht primär in eigener Absicht fotografierte, war der deutsche Fotograf Hermann Biow. Er bildete dokumentarisch alltägliche Situationen der damaligen Welt ab. Die Zustände in seinen Bildern waren nicht geschönt, nicht gestellt. Es ist schwer zu sagen, ob durch diese detaillierten Darstellungen politischer Umstände die gesellschaftlichen Veränderungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschleunigt wurden. Klar ist nur, dass es ab jenem Punkt möglich war, andere Realitäten zu erleben. Und war das Fotografieren für lange Zeit an Verfügbarkeit und Kosten der Filme gebunden, sollte auch diese Komponente an Bedeutung verlieren und eine veränderte Nutzung des Bildes hervorrufen.

 

2018 – Auf dem Display

Heute ist das Aufbewahren einer Abbildung nur noch in geringem Maße durch physische Grundlagen beschränkt. Digitalkameras und beinahe endlose, kostengünstige Speicher reduzierten den ökonomischen Wert des Bildes auf ein Minimum. Das Festhalten eines Moments konnte damit spontan werden. Es stellt sich nun aber auch die Frage, welche Bedeutung ein einzelnes Bild noch hat, wenn endlose Sammlungen nur durch Schlagwörter und Kategorisierungen zusammengehalten werden. Ist dieses Bild immer noch dafür bestimmt, einen persönlichen Moment unvergänglich zu machen und zu bewahren? Oder ist ein Bild nur noch ein austauschbares Element in einer schier endlosen Masse? – Doch auch, wenn die Masse und die Geschwindigkeit der heutigen Verbreitung die Bedeutung des einzelnen Bildes reduzieren sollten, ist es genau diese Masse, die es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ermöglicht, ein umfassendes Bild der Gegenwart wiederzugeben. Die Verbreitung ist nicht mehr einigen wenigen vorbehalten. Zu jedem Thema, in jedem Teil der Welt finden sich Abbildungen der unterschiedlichsten Realitäten.

Und wenn wir heute damit zu kämpfen haben, bei der Deutung der Malereien in El Castillo so gut wie keine Informationen zur Verfügung zu haben, wird für die ForscherInnen der Zukunft möglicherweise die Vielzahl an Informationen eine Schwierigkeit darstellen. Denn wenn alles sichtbar ist, kann eine präzise Einordnung zu einem unendlichen Kraftakt der Informationsbewältigung werden, bei der man nicht einer Sichtweise verfallen darf.

Das Einfühlen in eine Situation erleichtert die Interpretation und Einordnung eines Bildes nicht im Geringsten. Doch mit jedem Bild, das verbreitet wird, öffnet und verbindet sich die Welt – seit allen Zeiten – ein Stück mehr.