Lasst die Gedanken erblühen!

Wieder und wieder kreuzte die Blume als bildliche Metapher den Weg der Kuratorin Dr. Heike Fuhlbrügge. Die floralen Darstellungen gegenwärtiger Künstler dienten ihr nun als Ausgangspunkt für die Ausstellung “It smells like ... flowers and fragrances” im me Collectors Room in Berlin.

 

 

Frau Fuhlbrügge, Sie waren in den letzten Monaten mit den unterschiedlichsten Darstellungen von Blumen konfrontiert. Haben Sie in dieser Zeit zu einer Sorte eine besondere Bindung entwickelt?

Heike Fuhlbrügge: Eine besondere Bindung habe ich schon seit jeher zur Hyazinthe. Dies ist wahrscheinlich meinem Archäologiestudium und der Beschäftigung mit der griechischen Mythologie geschuldet. Der Name der Blume leitet sich nämlich von Hyakinthos ab, dem Geliebten Apollons. Als dieser erschlagen wurde, ließ Apollon aus dem vergossenen Blut eine Blume wachsen, die seinem Schmerz Ausdruck verleihen sollte. Die Blume als Verbildlichung von Gefühlen hat also eine lange Geschichte.
 

Findet sich die Hyazinthe auch in der Ausstellung wieder?

Heike Fuhlbrügge: Leider nein. Ich könnte ja eine ganze documenta mit dem Thema füllen, doch musste ich eine Auswahl treffen. Dabei ging es auch weniger um spezielle Blumen oder dem Fahnden nach Sorten, sondern vielmehr um die übertragene Metaphorik. Zuerst bringt man die Blume als Motiv wahrscheinlich mit den Stillleben flämischer Maler in Verbindung; ausschlaggebend für die Ausstellung war für mich jedoch das Potenzial der Motive, drängende gegenwärtige Themen wie Migration oder den ökonomischen Wandel anzusprechen. Doch auch die Körperlichkeit und sexuelle Begierde, die man mit einigen Blumensorten verbindet, stellt einen Bezugsrahmen dar, in dem wir reflektieren können: Was ist Schönheit für uns? Wie gehen wir mit Schönheit in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten um? Die Themen und Ansätze sind wirklich unendlich vielfältig.
 

Die Blume als politische und gesellschaftliche Metapher ist ein wiederkehrendes Thema der Ausstellung. Wie wird diese Form der gesellschaftlichen Repräsentanz deutlich?

Heike Fuhlbrügge: Es gibt zwei Exponate in der Ausstellung, die in wunderbarer Art und Weise von diesem Ansatz aus arbeiten. Zum einen zeigen wir den Film „L’infinito della natura“ von Karin Pliem, der darauf aufbaut, dass wir uns, mit unserer Lebensform eigentlich sehr weit von der Natur entfernt haben, die Blume aber weiterhin eine Relevanz hat, vielleicht weil sie ein Sehnsuchtsmotiv sein kann, aber auch etwas Fragiles, Zerstörbares ist. Tina Winkhaus, hingegen, schaut mit ihrem Werk „It’s my pleasure to serve you“  direkt auf die Verbindung von Natur und Kultur. Sie spricht insbesondere den Umgang mit Blumen in unserer Gesellschaft an. Denn wenn wir die überall verfügbaren Blumensträuße in billiger Plastikverpackung verschenken, wirkt dies von einem Standpunkt aus zwar billig, doch trotzdem wollen und können wir die ursprüngliche, sinnliche Symbolik der Blume übertragen.

 
Orchid_1982_C_Robert_Mapplethorpe_Foundation.jpg

Die Blume als Symbol nahm in der Arbeit von Robert Mapplethorpe über die Zeit unterschiedliche Rollen ein. Standen die früheren Aufnahmen noch in einem starkem Zusammenhang zu seinen oft erotisch aufgeladenen Porträtmotiven, spiegelten sie, unter dem Einfluss seiner tödlichen Erkrankung, in späterer Folge eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des Lebens wieder. In der Ausstellung "Flowers and fragrances" ist das Bild "Flower arrangement" von 1986 ausgestellt.

(Foto: ‘Orchid’, 1982 © Robert Mapplethorpe Foundation)

Neben bildlichen Darstellungen der Blume beschäftigen Sie sich in der Ausstellung auch mit dem Geruch als einem Mittel der Übertragung. Würden Sie sagen, dass sich Erinnerungen, die man mit einem Geruch verbindet, deutlich stärker und intensiver einprägen, als visuelle Erinnerungen?

Heike Fuhlbrügge: Ich glaube, im Vergleich wirkt der Geruch unmittelbarer und dadurch stärker. Man kann die Nase schlecht verschließen, man riecht immer etwas, wie man auch immer etwas hört. Letztendlich lebt von dieser Vorstellung und der Idee der unbewussten Beeinflussung eine ganze Industrie, die uns in Kaufhäusern mit Geruchsbotschaften zu Kaufräuschen verleiten will. In einem Museum ist der Einfluss des Duftes vor allem dann von Bedeutung, wenn man Installationen oder Gemälde zeigt, die in Kombination aus Visuellem und Ätherischem geschaffen wurden.
 

Und diese stellen Sie nun auch aus?

Heike Fuhlbrügge: Genau, ein tolles Beispiel für die Erweiterung der Dimension des Ästhetischen ist das Werk ohne Titel von Thomas Zitzwitz. In dieser Arbeit wurden die Farben des Gemäldes mit verschiedenen Düften vermischt. Das Bild wirkt so nicht für sich alleine, sondern direkt in der Verbindung mit den entstehenden Assoziationen. Noch stärker gesellschaftsbezogen ist die Installation  „(n)visible“ von Sissel Tolaas und Georg Hornemann. Es geht dabei vor allem um die Frage, wie der „Duft“, der über Epochen vorrangig als Lust- und Anziehungsmittel gesehen wurde, zur Abgrenzung genutzt werden kann. Der Hintergrund dabei sind auch die steigenden Zahlen von körperlichen Übergriffen auf Frauen in Indien. Man möchte beispielsweise versuchen, einen Geruch zu schaffen, der eine Atmosphäre der Abstoßung schafft, jedoch nicht belästigend für die Frauen ist.
 

Um noch einmal auf die historische Bedeutung der Blume zu sprechen kommen: Inwieweit haben Sie bei der Arbeit zur Ausstellung Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Werken flämischer und gegenwärtiger Maler entdecken können?

Heike Fuhlbrügge: Die flämischen Maler nutzten – natürlich auch unter dem Einfluss des aufkommenden protestantischen Glaubens – Blumen oft zur Darstellung von Luxus. Man wollte den Reichtum nicht offen zeigen und bediente sich daher eines Symboles, zum Beispiel der gestreiften Tulpe, einer Pflanze, die zu den kostbarsten ihrer Zeit zählte. Ein wiederkehrendes und auch gemeinsames Motiv wiederum ist die Blume als Metapher für die Vergänglichkeit. Dies ist heute natürlich nicht mehr so christlich geprägt, doch gesellschaftlich relevant ist das Thema nach wie vor. Ganz gemein haben die Werke von damals und heute nur, dass Blumen in ihrer Darstellung universell verständlich sind und, wie es mir scheint, dadurch auch nie an künstlerischer Bedeutung verlieren werden.
 

Vielen Dank, Frau Dr. Fuhlbrügge, für das Gespräch.

 

Die Ausstellung „It smells like ... flowers & fragrances“ ist vom 14.04 bis 01.07.2018 im me Collectors Room in Berlin zu sehen.