Eine kurze Geschichte des Bildes - Teil 1

Bilder übertragen Informationen, bewusst und unbewusst. Sie machen Vergängliches beständig und erzählen von Geschehenem. – Von historischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden erzählt diese kurze Geschichte des Bildes.

 

 

Wir sehen ein Bild. Wir nehmen Informationen auf. Formen, Farben, Gesichter, Buchstaben senden uns Signale, die wir verarbeiten und daraus Geschichten und Emotionen ableiten können. Ein Bild ist also auch die Verfestigung einer Idee, die bestehen bleibt und weitergetragen werden kann. Doch die Bedeutung des Bildes zeichnet sich auch durch andere Merkmale aus. Unabhängig von jeder Sprache haben Bilder eine universale Kraft, die die des Wortes um ein Vielfaches übersteigt.

Noch bevor es die ersten gezeichneten Darstellungen gab, übertrug der Mensch Informationen visuell: durch Gestik und Mimik. Über die Zeit entwickelten sich beständig neue Formen und Medien der Interaktion. – „The medium is the message.“ Mit dieser tausendmal zitierten und oft falsch verstandenen Aussage fasste Marshall McLuhan 1964 die Auswirkungen ständiger Kommunikationsveränderungen zusammen. Seiner Theorie zufolge war nicht der Inhalt, sondern die Art der Übertragung maßgeblich dafür, wie der Mensch kommuniziert und Informationen übermittelt.

Die folgende „kurze Geschichte des Bildes“ ergründet in diesem Zusammenhang verschiedene historische Formen und Veränderungen der visuellen Darstellung. In jeder Epoche sind Abbildungen immer auch ein Ausdruck von Machtverhältnissen und dem möglichen Zugang zu Technologien. Dieses Wissen, das wir aus dem historischen Abstand gewinnen können, sollte auch als Werkzeug dienen, um gegenwärtige Entwicklungen zu beurteilen.

 

38.000 v. Chr. – An der Wand

Möchte man der Geschichte des Bildes als Kommunikationsmittel auf den Grund gehen, führt der erste Weg unumgänglich in die steinernen Höhlen des Jungpaläolithikums. Während man heute die Entstehung der frühen Wandmalereien zeitlich gut eingrenzen kann – die ältesten, in der spanischen El-Castillo-Höhle, werden auf ein Alter von ca. 40.000 Jahren geschätzt –, ist die Frage nach dem Warum weiter unklar. Die Forschung dazu, was die Abbildungen der wilden Tiere und menschlichen Hände in El Castillo bedeuten könnten, ist bis heute zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. – Sollten die Tiere Hinweise zu Jagdtechniken übermitteln? War das Abbilden der Hände Teil einer spirituellen Zeremonie? Eine Deutung wird auch dadurch erschwert, dass historische Hinterlassenschaften immer nur einen Teil der Geschichte enthalten, den wir aus unserer gegenwärtigen Sichtweise versuchen zu interpretieren und zu verstehen. Andere, vielleicht gegensätzliche Teile der Geschichte, die nicht erhalten sind, hinterlassen eine inhaltliche Lücke.

Ein umfassendes Bild der historischen Realität wird uns also immer verwehrt bleiben. Was jedoch rückblickend festgehalten werden kann, ist, dass die Malereien des Jungpaläolithikums einen Entwicklungsschritt in der Menschheitsgeschichte zeigen, indem das menschliche Bewusstsein dafür benutzt wurde, Lebenseindrücke – sei es aus Träumen, spirituellen Zeremonien oder realen Begegnungen – festzuhalten und so unvergänglich zu machen. Und ist dies nicht bis heute der Kern eines jeden Bildes: die Vergänglichkeit des Lebens für einen Moment zu überwinden?

 
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Die Bildlichkeit der Hieroglyphen war kein Garant für ein universelles Verständnis der Schrift. Erst als im Jahr 1828 anhand des Steins von Rosetta die Zeichensprache erschlossen wurde, öffneten sich neue Türen zur geschichtlichen Erforschung des Lebens im Alten Ägypten.

(Foto: Ägyptisches Museum und Papyrussammlung der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Fotograf/in: Sandra Steiß)

400 v. Chr. – Auf dem Sarkophag

Steigen wir aus der Höhle in den Sand. Besser gesagt, in das Reich des alten Ägypten und die fruchtbaren Ebenen des Nildeltas. Die Zeit der Jäger und Sammler war Vergangenheit, sesshafte Zivilisationen wurden gegründet und standen durch Handelsbeziehungen in vielfältigem kulturellem Austausch. Abhängig von den verfügbaren Materialien und Anwendungsweisen der Sprache entwickelten sich regional unterschiedliche Schriftsysteme. Besonders bemerkenswert in dieser historischen Entwicklung ist die Entstehung des ägyptischen Hieroglyphensystems. Auch wenn die Zeichen immer wieder starke Vereinfachungen erfuhren, blieb ihre starke Bildhaftigkeit bestehen. Neben alltäglichen landwirtschaftlichen Tätigkeiten stellten die Grundzeichen der Sprache vor allem eine Vielzahl an Göttern dar. Es ist in diesem Zusammenhang allerdings anzumerken, dass Hieroglyphen nicht als reine Bildschrift gelten. Über die Zeit entwickelte sich aus den Grundformen ein komplexes System aus Laut-, Bild- und Deutzeichen, die zusammengefasst geschrieben wurden und so neue Wortbilder ergaben.

Doch die Bildhaftigkeit der Sprache war – damals wie heute – kein Garant für ein universelles Verständnis. Die grammatikalische und inhaltliche Bedeutung der Schrift konnte erst im Jahr 1822 von Jean-François Champollion anhand des Steines von Rosetta erschlossen werden. Der Stein – entdeckt während eines Napoleon-Feldzuges im Jahr 1799 – beschreibt die ehrenwerten Taten des ägyptischen Königs Ptolemaios V. und ermöglichte allein durch seine Dreisprachigkeit die Entzifferung des Hieroglyphensystems. Dank dieser Leistung war es nun möglich, die Vielzahl der königlichen Sarkophag-Inschriften zu entschlüsseln und einen Einblick in das Leben von damals zu gewinnen. Bildhafte Darstellungen beschrieben alltägliche Tätigkeiten, religiöse Überzeugungen und Herrschaftsverhältnisse der damaligen Zeit. Dem Verständnis einer ganzen Epoche wurde die Tür geöffnet, doch wiederum wurde nur ein Teil der Geschichte erzählt. Die Sarkophage repräsentierten einen kleinen Teil der damaligen Gesellschaft, dem es möglich war, Berichte über die eigenen Leistungen zu hinterlassen. Für die Mehrheit jedoch war das Hinterlassen von bildlichen Darstellungen ebenso unmöglich wie das Schreiben.

 

1500 n. Chr. – An der Decke

Vor dem nächsten größeren Sprung in der Geschichte des Bildes lohnt es sich, einen Blick auf eine wichtige Theorie der Kommunikationswissenschaft zu werfen: die Theorie des „Agenda Setting“. Kurzgefasst bezeichnet diese Theorie, dass es Akteuren der Öffentlichkeit möglich ist, Themen mehr oder weniger Aufmerksamkeit beizumessen und so deren gesellschaftliche Bedeutung maßgeblich zu beeinflussen. Bezog sich der Begriff bei seiner Einführung in den 1960er Jahren auf die Macht der Massenmedien, so erweist die Theorie auch mit einem Blick auf die Deckenmalereien des späten Mittelalters gute Dienste. Kirchen waren zu jener Zeit die zentralen Versammlungs- und Informationsorte einer Gesellschaft. Was in der Kirche gesagt und gezeigt wurde, hatte erheblichen Einfluss auf die Vorstellungen der Menschen. Man könnte auch sagen, die katholische Kirche hatte zu jener Zeit ein Informationsmonopol und somit die Möglichkeit, Themen und Inhalte des Alltags zu bestimmen. Hoch über dem Kirchenschiff entfalteten die beeindruckend inszenierten biblischen Geschichten eine außerordentliche Kraft, die die Betrachter klein machten. Die Worte des Herrn blieben also auch bildlich im Gedächtnis der Gläubigen haften. Die Hölle, der Ort der Verdammnis, war voll Feuer und Schmerz; der Himmel, die selige Erlösung, ein Land der frohen Farben und exotischen Genüsse. Unter diesen Bildern fiel die Entscheidung für den Weg der Erlösung wohl leicht.

An diesem Punkt ist die Geschichte des Bildes natürlich noch nicht zu Ende, denn besonders die technischen Veränderungen in den folgenden Jahrhunderten verliehen auch der visuellen Darstellung ein immer wieder neues Gesicht.