Wie erkläre ich mir die Welt?

Ethnografische Museen stehen im ständigen Spannungsfeld zwischen kolonialer Dokumentation und gegenwärtiger kultureller Offenheit. Diese Auseinandersetzung spiegelt sich auch in den fotografischen Darstellungen aus einer vergangenen Zeit wider.

 

 

Gedankliche Bilder sind heiße Eisen. Unter großer Anstrengung kann man sie langsam formen und ihnen eine andere Bedeutung geben. Doch sind sie einmal abgekühlt und gefestigt, braucht es einige Zeit, bis man sie wieder verändern kann.

In ebendiesem gedanklichen Wiedererhitzungsprozess befinden sich gegenwärtig die ethnografischen Museen der „Alten Welt“. Es geht dabei vor allem um die Frage, wie man mit den reichhaltigen Sammlungen, die überwiegend unter dem Eindruck der Entdeckung, Eroberung und Kolonialisierung fremder Länder und Völker entstanden sind, gegenwärtige gesellschaftliche Fragestellungen beantworten und der Verantwortung des Besitzes gerecht werden kann.

 
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Aufgereiht und abgedrückt. Der Entzug aus dem kulturellen Kontext ist ein wiederkehrendes Element kolonialer Darstellungen. Traditionelle Gewänder und Masken wirken komisch und die Bedeutung ist missverständlich. Foto: Rudolf Oldenburg, Weltmuseum Wien. Tanzmasken aus Bamum (Tungunga)

Um die Vergangenheit fremder Kulturen zu verstehen und zu dokumentieren, braucht es authentisches Material. Die meisten Sammlungsstücke erfüllen diese Voraussetzung­ – historische Fotografien überwiegend nicht. ForscherInnen sind daher heute damit konfrontiert, dass fotografische Dokumente beinahe ausschließlich aus kolonialem Blickwinkel aufgenommen wurden. Dieser führte zu Verallgemeinerungen oder verzerrten Darstellungen. Ein aus heutiger Sicht verstörendes Beispiel für diese Form der Dokumentation ist das Buch „Die Völker der Erde“ von Klaus Lampert aus dem Jahr 1902, in welchem die Traditionen und Lebensweisen fremder Kulturen schamlos präsentiert und als rückständig klassifiziert werden.

Doch wie geht man mit dem gegebenen Material um, wenn ethnologische Sammlungen tagtäglich mit der Frage konfrontiert sind: Wie erkläre ich mir die Welt? Ein Weg der Beantwortung führt dabei über eine andere Frage: Wer erzählt was über wen wann und wo? Eine wilde Welle von W-Fragen, die Klarheit in historische Nebelschwaden bringen kann. Einen anderen Weg im Umgang mit historischem Material hat die Künstlerin Rajkamal Kahlon gewählt. In ihrer Arbeit spielt wiederum das angesprochene Buch „Die Völker der Erde“ eine Rolle. Während ihres Forschungsaufenthaltes am Wiener Weltmuseum entdeckte sie in einem Antiquariat das historische Werk und begann die Aufnahmen vergangener Zeiten in die Gegenwart überzuführen. Umgekehrt überarbeitete sie Fotos heutiger und früherer Forscher im Stil der abgebildeten Kulturen. Die subjektiven Überarbeitungen ließen historische und aktuelle Sichtweisen kollidieren und erzeugten so neue Fragestellungen.

 
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Welche Bedeutung haben historische Abbildungen in Bezug auf heutige Verhaltensmuster? In ihren Arbeiten transferiert die amerikanische Künstlerin Rajkamal Kahlon Fotografien aus dem Band „Die Völker der Erde“ in einen gegenwärtigen Kontext. Es wird klar, die heutige Reisefotografie entbehrt nicht einem gewissen Bezug auf koloniale Abbildungen. Foto: Florian Reza, aus der Ausstellung „Staying with trouble“ im Weltmuseum Wien

Welchen Weg man auch wählt bei der Erklärung der Welt, es geht um die Offenlegung des Denkens und Handelns, das zum einzelnen Foto geführt hat. Welche Deutung war beabsichtigt? Welche Realitäten gingen in der Abbildung verloren? Denn nur mit den richtigen Fragen finden wir einen Weg, unsere Welt von heute mit den Dokumenten von gestern zu erklären.