Die Bewahrung der Prismen

Ist der Film nur noch ein Medium zur Unterhaltung? Welche Bedeutung hat der Dokumentarfilm im Erleben historischer und gegenwärtiger Realitäten? Und wie wählt man aus der schier endlosen Masse die richtigen Filme für eine Sammlung aus? Antworten auf diese Fragen hat Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums.

 

 

Herr Loebenstein, stellen wir uns einen gemütlichen Abend bei Ihnen zu Hause vor und Sie wollen sich – vielleicht abseits des Beruflichen – mal wieder einen Film anschauen. Wie wählen Sie den Film für diesen Abend aus?

Michael Loebenstein: Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich anders als viele Filmkonsumenten führe ich eine fortlaufende Liste nach einem relativ eigenen System. Darin sortiere ich Filme, von denen mir Leute erzählen, über die ich in einem Festivalreport lese, aber auch Filme, die mir beim Lesen von Recherchematerialien unterkommen. Man könnte annehmen, dass man als Museums- oder Archivdirektor nun selber eine riesige Sammlung hat. Aber ich habe einen deutlichen Widerwillen gegen das Anhäufen von Dingen. Daher versuche ich, die Filme, die ich sehen möchte, digital zu bekommen.

 

Sind Plattformen wie Netflix oder AmazonPrime dabei für Sie relevant?

Michael Loebenstein: Nach einem anfänglichen Interesse habe ich ganz aufgehört damit. Ich fand das „Durchbrowsen“ und Überangebot so frustrierend. Meiner Meinung nach sind die Onlineplattformen vergleichbar mit „All you can eat“-Buffets. Am Anfang fängt man wild an zu gustieren und nach einiger Zeit kommt man irgendwie drauf, dass es relativ öde ist beziehungsweise man überfrisst sich einfach.

 

Und dann möchte man lieber die Qualität des Essens erhöhen?

Michael Loebenstein: Genau, was aber nicht heißt, dass ich mir nicht auch schlechte Filme anschaue (lacht).

 

Wählen Sie an einem solchen Abend bewusst zwischen einem Unterhaltungs- und Dokumentarfilm?

Michael Loebenstein: Ich finde ja auch Dokumentarfilme sehr unterhaltsam und habe fast eine lustvolle Beziehung zu ihnen. Denn die filmische Form und Sprache, die das Kino hier abseits der Fernsehreportage erlaubt, schafft eine besondere Form der Auseinandersetzung mit einer immer komplexer werdenden Realität. Das stößt meiner Ansicht nach auch auf immer größeres Interesse. Das „reale Leben“ ist doch so vielschichtig und interessant, dass man meistens gar nichts zu erfinden braucht.

 

Und letztendlich hat ein guter Dokumentarfilm auch eine Dramaturgie, die unterhält.

Michael Loebenstein: Richtig, in Dokumentarfilmen findet man ja genau diese Dichotomie aus der Fiktion und dem Dokument. In der Kinogeschichte war das von Beginn an da. Selbst in den ersten Filmen der Lumière-Brüder, die nur 40 bis 60 Sekunden dauerten, sieht man ganz klar, dass es eine Dramaturgie gibt. Zum Beispiel in ihrem berühmten Film „Arbeiter verlassen die Lumière-Werke“, da geht am Anfang wie eine Ouvertüre die Tür auf, die Arbeiter strömen heraus und sind genau fertig, als der Film aus ist. Und das war natürlich inszeniert: Auf drei gehen die Türen auf und man merkt, wie Leute aus dem Off antreiben: Geht schneller!

 
0x4DC52775AF42F1380B94F7226A8B37E6.jpeg

„Man kann nicht sagen: Das sind ja nur Bilder!“ – Wie ein Prisma legen sich Bilder und Filme von unser inneres Auge und prägen die Sicht auf die Welt, sagt Michael Loebenstein. 25.000 „Prismen“ bewahrt das Österreichische Filmmuseum in seiner Sammlung, gut 20 % davon sind Privatfilme. Einen abstrakten Blick auf die erzeugten Sichtweisen findet sich im Filmstill aus dem Film „Sync Touch“ von Barbara Hammer wieder. (Sync Touch, 1981, Barbara Hammer, Foto: Light Cone)

Könnte man daher sagen, dass der Film als Medium im Gegensatz zum statischen Bild keine reine Dokumentation sein kann, sondern immer eine Unterhaltungsebene hat?

Michael Loebenstein: Ja, in jedem Fall. Stellen Sie sich im Gegensatz dazu einmal die Frage: Was sind Bilder oder Filme, denen man gänzlich jeden Gestaltungswillen, jede Dramaturgie absprechen kann? Wahrscheinlich sind das wirklich nur Bilder, die von Maschinen gemacht werden, von Überwachungskameras zum Beispiel. Aber sobald der Mensch eine Kamera in die Hand nimmt, wird es intentional. Das Bild wird komponiert, es wird der richtige Moment ausgewählt und beim Film werden im Schnitt Momente zusammengeführt.

 

Mit Blick auf die Sammlung des Filmmuseums: Überwiegt hier der narrative, fiktionale Unterhaltungsfilm?

Michael Loebenstein: Auf jeden Fall, jedoch sind von unseren insgesamt 25.000 Filmtiteln gut 6.000 Amateur- und Privatfilme. Und auch wenn man sich die Kinogeschichte aus der Vogelperspektive des Filmhistorikers ansieht, überwiegt zwar in der Bedeutung der narrative Spielfilm, doch dieser ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Großteil sind Wochenschauen, Aktualitäten, Industrie- und Werbefilme.

 

Wenn wir bei dem Thema „Privatfilm“ auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückblicken, ist die Anzahl der Filme aus dieser Zeit doch relativ überschaubar. Heute wird alles gefilmt und nur ein Bruchteil davon auf YouTube hochgeladen. So könnte zum ersten Mal in der Geschichte das gesamte globale Leben dokumentiert werden. Wie geht eine Institution wie das Filmmuseum unter diesen Bedingungen mit der Archivierung um?

Michael Loebenstein: Das Ausmaß ist natürlich völlig überwältigend. Wir ersticken am Überfluss und niemand hat eine Patentlösung, wie man mit diesen Mengen umgehen kann. Es ist Menschen unmöglich, alles zu sehen, ja es fehlen uns sogar gänzlich die Systeme für eine Speicherung und Katalogisierung. Daneben stellt sich natürlich auch immer die Frage: Wie verhindert man, dass man da nicht Petabytes an Datenschrott in ein paar Jahren hat?

 

Wie entscheiden Sie sich unter diesen Umständen für die Aufnahme eines Filmes in Ihr Archiv?

Michael Loebenstein: Das hängt von zwei Punkten ab. Erstens ist es ganz wichtig, dass eine Institution eine Sammlungspolitik und klare Maßstäbe hat – sodass man nicht nur nimmt, was gerade herumliegt. Zweitens sammeln wir in Hinblick darauf, dass wir künstlerisch und gesellschaftlich relevante Positionen der Filmgeschichte bewahren und abbilden wollen. Dies entscheiden kuratorische Teams oder Filmautoren in Bezug auf unseren eigenen, sehr speziellen Fokus. Und man muss im Rahmen seiner Möglichkeiten bleiben – finanziell und technisch. Bei einem Format, bei dem wir wissen, wir haben keine Bearbeitungsmöglichkeiten, 70 mm ist zum Beispiel so ein Fall, würde ich in den meisten Fällen eher Abstand nehmen, ich wüsste dann aber, wo ich sie hinschicken würde.

 

Um noch einmal auf den Dokumentarfilm zurückzukommen – bei diesen Filmen ist eine bedeutende Frage: Was ist glaubwürdiges Material und wie gehen wir damit um? Besonders im Hinblick auf die Filme der 1930er und 1940er Jahre: Würden Sie sagen, ein Museum sollte diese Filme auf jeden Fall zeigen, mit historischer Begleitung, oder ist es eher der Fall, dass diese zwar historisch relevant sind, aber auch nicht mehr gezeigt werden müssen?

Michael Loebenstein: Ich glaube Zweiteres. Es gibt so bestimmte Filme, die muss ich nicht wiederholen, weil sie immer schon reproduziert wurden und ganz klar mit Hinblick auf die Radikalisierung der Massen und Meinungsbildung des NS-Regimes gemacht wurden, z. B. die Filme von Leni Riefenstahl. Ich glaube, diese Filme sind immer noch zu dominant in der Art, wie sie – hinterfragt oder unhinterfragt – unsere Meinung bilden.

 

Haben Sie ein Beispiel dazu?

Michael Loebenstein: Wir haben sehr viele Veranstaltungen mit SchülerInnen, in denen wir auch über Fragen von Abbildung und Realität, die Bilder in unserem Kopf, reden. Bei einer Veranstaltung haben wir beispielsweise aus unserer Sammlung unbekannte Privatfilme aus den 1930er Jahren von jüdischen Familien gezeigt. Es hat dann einmal ein Schüler in dieser Veranstaltung gesagt, aber die schauen ja gar nicht aus wie Juden, die Leute in den Filmen. Ich habe ihn dann gefragt: Ja, warum nicht? Wie schaut denn ein Jude aus? Und dann haben wir angefangen, in der Klasse ein interessantes Gespräch zu führen. Wir haben darüber geredet, wie es sein kann, dass wir jetzt in den 2000er Jahren, nach Jahrzehnten der Aufklärungspolitik, immer noch diese Bilder der Propaganda im Kopf haben. Denn von diesem Schüler war das gar nicht bös’ gemeint, das war eine ganz unschuldige Bemerkung.

 

Das beschreibt sehr anschaulich die allgegenwärtige Kraft der Bilder.

Michael Loebenstein: Genau an diesen Beispielen zeigt sich, wie wichtig es ist anzusprechen, dass Bilder ganz, ganz immanent bestimmen, wie wir die Welt kategorisieren. Der Satz: „Das sind ja nur Bilder“, zählt dabei nicht. Sie sitzen oft sehr tief und fundamental wie ein Filter in uns. Daher stellt sich immer die Frage: Durch welches Prisma sieht man die Welt?

 
0xA2E6EC873C2721E31066BCE3E70C35D5.jpeg

2016 übernahm Michael Loebenstein als Direktor die Leitung des Österreichischen Filmmuseums. Nach einem 5-jährigen Aufenthalt in Canberra am National Film and Sound Archive of Australia (NFSA) kehrte der Wiener als Direktor an das Österreichische Filminstitut zurück und ist seitdem für die inhaltliche Ausrichtung des Instituts verantwortlich. (Foto: Österreichisches Filmmuseum)

Kommen wir noch einmal zurück zu Ihrem Filmabend. Gibt es bei der Auswahl einen Film, den Sie gar nicht mehr anschauen können, weil Sie ihn schon zu oft gesehen haben?

Michael Loebenstein: Oh, gerade die Filme, die ich am häufigsten gesehen habe, mag ich am liebsten. Ich möchte Ihnen da gerne noch zwei Filmtipps mitgeben, passend zum Gespräch, einen großen Unterhaltungsfilm und einen weniger bekannten dokumentarischen Film. Zum einen, da ich eine große Vorliebe für Science-Fiction-Filme habe, „The Abyss“ von James Cameron und zum anderen vom französischen Filmemacher Chris Marker – „Sans Soleil“. Ein wunderschöner Film, der sich mit dem Filmemachen beschäftigt und eine Art philosophische Befragung dessen ist, wie Sehen, Aufzeichnung und Erinnerung zusammenhängen. Doch die Briefe, aus denen die Frau im Film liest, gibt es nicht. Dies sind allein die Gedanken des Autors selbst.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Loebenstein.