Das B ist eine Bergbahn

Die Kunst der Kalligrafie hat eine lange Tradition. Wörter und Buchstaben als grafische Elemente zu nutzen, ist in der lateinischen Schrift jedoch beinahe in Vergessenheit geraten.

 

 

Das Verbot der bildlichen Darstellung Gottes ist ein kontroverses Thema, bei dem sich die großen monotheistischen Weltreligionen mitnichten einig sind. „Du sollst dir kein Gottesbild machen“, werden im Buch Exodus des Alten Testaments die Gläubigen aufgefordert, doch durchgesetzt hat sich dieses Verbot nicht. Gott als Vater, als Licht, als Fels, ... – die metaphorischen Bezeichnungen sind endlos und dienten auch als Grundlage für zahlreiche bildliche Darstellungen. Im Gegensatz dazu entwickelte sich im Islam eine andere Form der göttlichen Lobpreisung. Eine bedeutende Stellung nahm dabei Arabisch als Überbringungsschrift des Propheten Mohammed ein. Im Zuge des wiederkehrenden Abschreibens, das der Verbreitung der Offenbarung diente, entwickelten sich an den islamischen Höfen ab dem 8. Jahrhundert verschiedene Schriftstile heraus. Die prachtvolle und ästhetische Ausarbeitung der sakralen Texte auf den teuersten Pergamenten der Zeit unterstrich die außerordentliche Bedeutung der göttlichen Worte. Die Bildlichkeit war zwar verboten, doch damit nicht vollends ausgeschlossen. So gab es beispielsweise Beschreibungen der physischen Erscheinung Mohammeds (sogenannte Hilyas), die illustrativ so originell ausgearbeitet wurden, dass sie einer bildlichen Darstellung nahekommen sollten.

 
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Für das westliche Auge ist die Nähe zur bildlichen Darstellung schwer nachvollziehbar, daher ist eine Interpretation im Kontext des Koran-Bildverbots von Bedeutung.

Die unterschiedlichen Stile der arabischen Schrift nahmen über die Jahrhunderte immer neue Formen an. Beeinflusst von regionalen Besonderheiten und den Arbeiten einzelner Kalligrafiemeister entwickelten sich sowohl „Standards“ – wie der Kufi-Stil, der bis heute in der arabischen Welt weitverbreitet ist – als auch ornamentreiche, dekorative Formen der Schrift. Diese imposanten Formen, die in absoluter Perfektion gleichmäßige, harmonische Proportionen schufen, wurden neben der Niederschrift religiöser Texte vorrangig für offizielle Dokumente verwendet. Wo anderenorts die Einzigartigkeit eines Siegels vor Fälschungen schützte, diente beispielsweise im Osmanischen Reich die Diwani-Schrift als Schutz vor unerlaubter Verbreitung. Die Ausbildung zum fähigen Schreiber des komplizierten Stils erfolgte ausnahmslos am Hofe des Sultans und befähigte den Schreiber nach dem Erlernen des kalligrafischen Siegels, der Tughra, Erlasse und Urkunden zu relativ fälschungssicher zu verfassen.

 
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Der Schriftzug im Innenhof der Süleymaniya-Moschee in Istanbul ist im „biegsamen“ Thuluth-Stil geschrieben und preist den herrschenden Sultan. (Foto: Giovanni Dall’Orto)

Die Kalligrafie als Kunstform war jedoch kein exklusives Ergebnis der islamischen Glaubensvorsätze. Eine Schrift handschriftlich zu zeichnen war über viele Jahrhunderte der einzige Weg, (sakrale) Texte zu verbreiten. Im Kulturkreis des lateinischen Schriftsystems nahm die Bedeutung der Kalligrafie jedoch mit der Einführung des Buchdruckes deutlich ab. Mit dieser neuen medialen Zeitrechnung begann auch die Zeit der Typografie. Zeichen wurden nun nicht mehr „gezeichnet“, sondern gesetzt. Die Verbindung aus Illustration und Text ging somit rasant zurück. Schriften waren von nun an standardisiert und verwehrten sich der illustrativen Verarbeitung. Ein Umstand, der sich bis heute sehr hartnäckig hält.

Man darf dies durchaus bedauern, denn tatsächlich kann auch heute noch das Brechen mit dieser landläufigen Erscheinung besondere Aufmerksamkeit erzeugen. Ein gelungenes Beispiel der visuellen Inhaltsvermittlung ist eine Arbeit des Wiener Grafikers Joseph Binder aus dem Jahr 1927. Am Fuße des Rax-Gebirgszugs erstreckt sich in seiner Grafik die „Raxbahn“, ein beliebtes Ausflugsziel im Süden Wiens, das jährlich Tausende Bergsüchtige auf die Gipfel der Gebirgskette bringt. Und genau diese Kernfunktion – das schnelle Erklimmen der Gipfel – setzte Binder grafisch beeindruckend um. Der Bauch des B wird zur Talstation, aus welcher die Seile der Bahn den Berg emporklettern. Die Szenerie beginnt zu leben, ohne ihren informativen Charakter zu verlieren.

 
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Joseph Binder veröffentlichte das Plakat 1929.

Eigentlich gibt es für die Umsetzung dieser Ideen keine technischen Grenzen mehr. Standardisierte Buchstabensätze sind längst digitalen Druckern gewichen. So steht den Ideen vielleicht nur die Angst vor der geistigen Überlastung im Weg. Denn wenn man voraussetzt, dass bildliche Darstellungen nur für Sekundenbruchteile betrachtet werden und die Zeit der kognitiven Verarbeitung daher möglichst gering gehalten werden muss, sind komplexere Darstellungen fehl am Platz. Im besten Fall schickt man diese Ideen auf die kreativen Spielplätze der Award-Shows. Es könnte allerdings manchmal auch nicht schaden, etwas Vertrauen in seine Mitmenschen zu haben und mit dem Griff zur digitalen Feder den bildreichen Wörtern wieder ein unverwechselbares Gesicht zu geben.