Wer hat am Pixel gedreht?

Die Manipulation von Bildern und die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Informationen begleitet die öffentliche Diskussion seit Jahrhunderten. Neue technische Möglichkeiten machen es zunehmend schwerer – doch nicht unmöglich –, Täuschungen zu erkennen.

 

 

Eine Welt ohne Retusche, ohne jegliche Bildbearbeitung, ja wie sähe diese aus? Für unsere Augen wahrscheinlich wenig glamourös, ja etwas fad. Ob es sich nun um die Blumenwiese auf der Milchverpackung oder das Topmodel auf dem Modeplakat handelt – kaum ein Bild, das uns heute in der Öffentlichkeit entgegenspringt, wurde nicht durch den Bildbearbeitungsdschungel getrieben. Man kann darüber diskutieren, inwieweit die allgegenwärtigen Bearbeitungen und ständigen Korrekturen sinnvoll sind oder bestimmte Vorstellungen manifestieren. Genauso wichtig ist jedoch auch die Frage, wo der oft schmale Grat zwischen der Optimierung einer nicht optimalen Realität und der bewussten Manipulation verläuft. Manipulation möchte bewusst täuschen, Wirklichkeiten verdrehen – mehr noch: eine eigene Wirklichkeit schaffen.

Dass die technischen Möglichkeiten zur bewussten Wirklichkeitsverdrehung auch in humoristischer Form genutzt werden können, zeigt der abstruse Film „The Centrifuge Brain Project“. Abenteuerliche Jahrmarktsattraktionen werden durch historische Aufnahmen, „wissenschaftliche Expertise“, ja sogar eine eigene Website so glaubhaft dargestellt, dass man beim Betrachten des Filmes sehr leicht dem Glauben verfallen könnte, dem menschlichen Forschungssinn seien wahrlich keine Grenzen gesetzt.

 

 

Im Falle dieses Filmes von Till Nowak sorgt die technische Professionalität für gelungene Unterhaltung. Moderne Software, die auf Basis künstlicher Intelligenz bewegte Bilder automatisch verändern und anpassen kann, hat sich mittlerweile auch in diversen Apps etabliert. Was zum einen ein lustiger Spaß ist, kann andererseits perfide Formen annehmen. So erregten Ende des letzten Jahres sogenannte „Fake Porns“ für Aufregung, in welchen mit eben jener Software einfache Porträtfotos genügten, um die originalen Gesichter in den Filmen täuschend echt zu ersetzen. Die Frage steht im Raum, wie man sich gegen diese Form der Täuschung wappnen kann und ob die Technologie nun dabei ist, eine eigene Wirklichkeit zu schaffen. Man könnte natürlich gutgläubig argumentieren, in allen digitalen Bildern und Videos speichern Metadaten die Schritte der Veränderung. Doch niemand wird sich bei einer durchschnittlichen Google-Suche in die Untiefen digitaler Historien verlieren. Und wenn man ehrlich ist: Wer in der Lage ist, mit den digitalen Werkzeugen realitätsgetreue Verzerrung zu erstellen, weiß seine Spuren auch leicht zu verwischen. Es muss also robustere und deutlich einfachere Möglichkeiten geben, Manipulationen zu entlarven.

 
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Was ist wahr, was existiert und wie weit lässt sich die Verzerrung der Wirklichkeit treiben? Der französische Fotograf Laurent Chehere komponiert aus Elementen der Wirklichkeit surrealistische Gemälde, die für Momente der Irritation sorgen.

Es ist wahrscheinlich keine große Überraschung, dass das beste Werkzeug, um Verdrehungen der Wirklichkeit aufzudecken, das menschliche Auge ist. Nur, das Auge ist in erster Linie ein Körperteil, das auf Basis von Reizreaktionen arbeitet. Und genau hier liegt das Problem. Den unzähligen Reizen im Alltag begegnen wir in erster Linie mit Ignoranz, anders ließe sich die endlose Flut visueller Eindrücke nicht bewältigen. Doch auch wenn ein Reiz wahrgenommen wird, heißt das noch lange nicht, dass wir darüber intensiv nachdenken und mögliche Fehler entdecken. Denn den Großteil alltäglicher Entscheidungen erledigen wir im „Autopilot-Modus“. Der Mensch wäre nicht überlebensfähig, müsste er über jede noch so unbedeutende Handlung nachdenken. Wir würden dann gar keine Entscheidungen mehr treffen. Eine wirklich intensive Beschäftigung mit einer Situation erfolgt jedoch erst dann, wenn der „Autopilot-Modus“ bewusst unterbrochen wird und wir uns einer bestimmten Aufgabe widmen, die mehr aktive Zuwendung erfordert.

Diese beiden Formen des Denkens hat der amerikanische Psychologe Daniel Kahnemann in einer Vielzahl seiner Arbeiten beschrieben und unter den Bezeichnungen „Schnelles Denken“ und „Langsames Denken“ zusammengefasst. Das schnelle Denken arbeitet energiesparend und weitgehend mühelos. Es arbeitet mit Heuristiken (die oft irreführend sind) und reagiert intuitiv auf Reize – auch wenn diese manipuliert sind. Vielleicht müsste man sagen, gerade dann. Denn eine Manipulation ist genau dann besonders wirksam, wenn sie unbewusst wahrgenommen wird und auf bekannten Schemata basiert, die mit wenig kognitivem Aufwand verarbeitet werden.


„Löscht das Internet!“


Ein Phänomen, das durch die Geschwindigkeit gegenwärtiger Informationsströme weiter verschärft wird. Im Umfeld sozialer Medien sind es oft nur (Milli-)Sekunden, die der Blick an einem Bild hängen bleibt. Die Flüchtigkeit des Moments reduziert nicht nur die Bedeutung dieser Bilder, sie macht auch die Beschäftigung mit ihnen, die Verarbeitung relevanter Informationen, umso schwieriger. So bleibt – wenn überhaupt – nur die intuitive Reaktion, der flüchtige Gedanke haften. Ist die Antwort also: „Raus aus allen sozialen Medien! Löscht das Internet!“?

Nein! Wie bei vielen anderen Problemen ist das bloße Verbieten desselben kein Allheilmittel. Die technischen Möglichkeiten verschwinden nicht einfach so aus der Welt. Man muss sich der Realität stellen, dass Manipulationen schon immer gegenwärtig waren und es auch weiterhin Bilder und Videos geben wird, die etwas vortäuschen, was nicht Wirklichkeit ist.

Vielleicht ist deshalb eine passende Antwort die Besinnung auf das „langsame“ Denken in uns. Was bedeutet, nicht jeder Intuition sofort zu folgen, nicht jedem ersten Gedanken Glauben zu schenken, offene Augen für Anomalien zu haben und das „schnelle Denken“ hin und wieder bewusst auszubremsen. Wenn wir Informationen aufnehmen und verarbeiten, weil sie auf den ersten Blick bekannten Mustern und Regeln folgen, dann schleichen sich die veränderten Informationen nach und nach unbemerkt ein.