In Gesellschaft von August Sander

Mit seinem epochalen Werk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ prägte August Sander die Porträtfotografie nachhaltig: Das Individuum hinter seiner gesellschaftlichen Rolle stand von nun an im Mittelpunkt. Eine Sichtweise, die bis heute anhält.

 

 

Der Blick ist eindringlich. Ein Hauch von Skepsis und Distanz umgibt das kantige Gesicht. Er, ein Maler, wie die Bildbeschreibung mitteilt, steht allein auf einer weiten Straße, sodass sofort Fragen aufkommen: Wer war er? Wie kommt es, dass diese Straße so verlassen ist? Wie ging sein Tag weiter? Welches Leben lebte er?

 
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Spielte die Eitelkeit eine Rolle? Nur Künstler, Industrielle und Politiker wurden in seinem Werk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, zusätzlich zur Berufs- oder Standesbezeichnung, mit Namen versehen. Der Maler auf diesem Bild ist Anton Räderscheidt.

Antworten auf diese Fragen liefern die Porträts von August Sander keine. Mitte der 1920er Jahre begann der deutsche Fotograf mit der Konzeption des Werkes, das ihn bis zu seinem Lebensende begleiten sollte. Mit den „Menschen des 20. Jahrhunderts“ hatte sich August Sander zum Ziel gesetzt, eine umfassende fotografische Gesellschaftsanalyse zu schaffen. Gut 600 Fotos sind heute noch erhalten. Der Großteil seiner Arbeit ging jedoch durch die Zensur des nationalsozialistischen Regimes unwiederbringlich verloren, das in der Darstellung auch nichtarischer Gesellschaftsteile Hochverrat sah.

Mit jedem Bild erweiterte Sander, auf Basis des Standes oder des Berufes, eine der sieben definierten Gruppen der Gesellschaft. Die Bildbeschriftungen teilen daher lediglich[V1]  diese spärlichen Informationen mit. Das Persönliche hingegen erschließt sich nur aus der Betrachtung von Mimik, Gestik oder Haltung – in seltenen Fällen aus einzelnen Gegenständen. Mit seinem Stil, der zwischen dokumentarischer Distanz und intimer Nähe wandelt, hat August Sander die Porträtfotografie und ihre Fragestellungen grundlegend geprägt: Das Porträt wurde zum Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der individuellen Persönlichkeit, die sich hinter einer gesellschaftlichen Rolle verbarg.

Unprätentiös und sachlich entdeckte er das Individuum. Keine der Darstellungen heroisierte oder karikierte die Personen. Er bildete ab, was ist. Im Kontext auch anderer künstlerischer Ausdrucksformen sollte dieser Stil bald die Bezeichnung „Neue Sachlichkeit“ tragen.

Aus heutiger Sicht ist es wohl die Ruhe und der kontemplative Charakter seiner Fotografien, die eine tiefergehende Beschäftigung mit den Lebensumständen der Personen auslösen. Doch Kopien eines vergangenen Stils sind nicht die Erfolgsgeheimnisse gegenwärtiger FotografInnen, die sich auch heute der Aufgabe gegenübersehen, das Individuum zu entdecken.

 
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Hanna Putz lässt in ihren Porträts eine Entfaltung zu verzichtet dabei jedoch nicht auf die Einbindung in ein gesellschaftliches Umfeld. (Foto: Anna Sophie Berger / artist / Vienna , 2016)

Die Bandbreite reicht dabei von den bildfüllenden Konfrontationen des deutschen Fotografen Martin Schoeller, dessen Porträts kein Entfliehen und Vertuschen zulassen, bis zu den offenen und raumgreifenden Abbildungen Rob Hornstras oder Hanna Putz’, in deren Fotografien gesellschaftliche Rollen deutlich stärker einbezogen werden. Doch während Rob Hornstra die abgebildeten Persönlichkeiten in ihrem Lebensumfeld definiert, stellen die Fotografien von Hannah Putz im Gegensatz dazu die Frage nach Zugehörigkeiten zu Klassen und Gruppen. In Betrachtung der unterschiedlichen zeitgenössischen Stile wird jedoch wieder die Bedeutung von August Sanders Werk besonders deutlich.

Historische Klassifizierungen mögen vergangen sein, doch die zeitlose Aussage und Relevanz seiner Arbeit besteht darin festzuhalten: Der Mensch ist ein Individuum in einer Gesellschaft – und das eine kann nicht ohne das andere betrachtet werden.