Wohin des Weges?

Reisen bringt Veränderung. Ganz egal, ob es ein Ausflug an den nächsten See oder eine Bildungsreise an das andere Ende der Welt ist. Und wie wir reisen, sagt dabei eine ganze Menge über uns selbst aus. 

 

Die Vorstellung, für ein, zwei Wochen an einen warmen Ort zu fahren, den besten Sandstrand aufzuspüren und dann einfach mal nichts zu machen, dürfte für die meisten unserer Vorfahren eine durchaus ungewöhnliche Vorstellung gewesen sein. Auf Reisen hat sich der Mensch schon immer begeben, doch eine Reise, bei der nur die körperliche Entspannung im Vordergrund stand, ist ein Phänomen, das erst im vorigen Jahrhundert seinen Platz im Leben vieler gefunden hat. In früheren Zeiten waren Reisen ein leidliches Übel, das dem Handel – oder auch dem Krieg – geschuldet war. Erst später begann man, sich auch zur Bildung oder zur Pilgerfahrt auf die oft langwierigen und gefährlichen Wege zu begeben.

Die Wege heraus aus der gewohnten Umgebung mögen sich geändert haben. Was dabei jedoch gleich geblieben ist, sind die Motive für diesen Aufbruch. Es überrascht nicht, dass das Reisen seit jeher auch als Metapher für das Leben selbst dient, denn das Ziel des Reisenden war und ist die geistige Veränderung und Überwindung der (bekannten) Vergangenheit. Mit kleinen Schritten nähern wir uns den Aufbrüchen und ihren inneren sowie äußeren Veränderungen.
 

Immersion & Entdeckung

Wann genau der Moment kommt, ist unklar – doch er kommt. Vielleicht steht man an einem Schalter, hinter dem ein netter Beamter versucht, in einer unbekannten Sprache ein nicht vorhandenes Problem zu lösen. Oder man hat sich verlaufen, im wilden Straßengeflecht der Großstadt, wo auch die besten Karten on- und offline nicht mehr weiterhelfen. Es ist der Moment, in dem sich die Hoffnungslosigkeit mit einem Gefühl des Ausgeliefertseins vermischt. Die Möglichkeit einer Rettung gibt man mehr und mehr auf. Es scheint nicht gerade attraktiv, diesen Moment selbst zu erleben – es ist vielmehr das Gefühl, das sich danach einstellt, in der (Auf-)Lösung des Problems. Es ist die Euphorie des Moments, in dem man eine ungeahnte Möglichkeit, einen neuen Weg entdeckt.

Mit dem Ziel, auf seinen Reisen unbekannte Orte und Kulturen zu entdecken, sind Millionen von Menschen – im Guten wie im Schlechten – aufgebrochen. Auch Johann Wolfgang von Goethe begab sich, wie viele seiner (bürgerlichen) Zeitgenossen, auf eine ausgedehnte Reise nach Italien, von der sich das gehobene Bildungsbürgertum der Romantik versprach, die Ideale der Antike und die vergangene Größe des Römischen Reiches am eigenen Leib zu erfahren. Ja, das fruchtbare Land im Süden versprach ein genüssliches Leben und exotische Reize.

 
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Die Zeit muss kurz gewesen sein um den weiten Blick vom Gotthard-Pass festzuhalten. Es reichte allein für eine detaillierte Ausgestaltung der schneebedeckten Gipfel. Die italienische Tiefebene war für Johann Wolfgang von Goethe an dieser Stelle noch nicht in Sicht.

Im alten Griechenland sprach man vom sagenumwobenen Land „Arkadien“, heute spricht man vom Urlaub am Lago Maggiore. Dem Aufbruch in den Süden haftet noch heute eine sehnsuchtsvolle Stimmung an. Welche Erfahrungen jedoch die Realität mit sich bringt, hat Goethe in einer seiner zahlreichen Skizzen festgehalten. Die Überquerung des Gotthard-Passes war sichtlich keine bequeme Angelegenheit. In der Ferne türmen sich kräftige Wolken, die kantigen Gipfel sind vom Schnee begraben, zwei Personen nehmen die karge, entbehrungsvolle Landschaft mehr hin, als dass sie sie genießen. Der Rest verliert sich in einer groben Skizzierung, sodass man davon ausgehen darf, dass die Reise hier schnell fortgesetzt wurde, um den rauen Bedingungen schnellstmöglich zu entfliehen. Der Abgleich von Soll- und Ist-Zustand ist der ständige Begleiter einer Reise. Er führt nicht selten dazu, dass aus einer utopischen Idee harte Realität wird. 
 

Konfrontation & Illusion

Im Frack und beladen mit Reisehandbüchern steht die englische Reisegruppe wie montiert vor der Ruinenlandschaft der Campagna Romana. Ihre Teilnehmer wirken deplatziert und dem Ort in keiner Weise zugehörig. Vielleicht sind sie auf Durchreise, vielleicht auf einer ausgedehnten Bildungsfahrt. Die Darstellung lässt keine Deutung zu. Carl Spitzweg zeichnete dieses Motiv im Jahr 1835 – es könnte aktueller nicht sein.

 
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Mit einem Seitenblick auf Karikaturen der damaligen Zeit zeigte Carl Spitzweg diese Gruppe Engländer als sehnsuchtslos fremde Reisende in der römischen Campagna. 

Von den eigenen Reisen zu berichten ist heute im Live-Modus möglich. Selbst in den entlegensten Ecken der Welt findet man noch einen leckenden WLAN-Spot, der sich selbstlos für die regelmäßige Heimschalte anbietet. Das ist die private und oft angenehme Seite des Reisens. Soziale Kontakte werden nicht vernachlässigt und den Daheimgebliebenen können regelmäßig die Wassertemperaturen des Südpazifik übermittelt werden. Was dazumal im Frack gewandete Engländer waren, finden wir allerdings auch heute noch mit guter Regelmäßigkeit: Travelblogger, die sich mit übersichtlicher Regelmäßigkeit von einem asiatischen Strand zum nächsten hangeln, haben zwar den britischen Gehstock gegen den globalen Selfiestock ausgetauscht, die seltsam ignorante Entrücktheit zu ihrem kulturellen Umfeld ist in den sozialen Netzwerken allerdings ebenso auffällig wie in Spitzwegs Aquarell.

Heute wie damals entstehen aus diesen glorifizierten Darstellungen von Orten Erwartungen, die zwar oft in der Realität nicht erfüllt werden, sich aber ganz selbstverständlich in das kulturelle Unterbewusstsein pflanzen. Dass die paradiesische Verheißung genau das ist, wonach sich so viele sehnen, zeigte die Studentin Zilla van der Born, die im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit ihren Asien-Urlaub auf Facebook dokumentierte – die Bilder dafür jedoch zu Hause in Amsterdam aufnahm und bearbeitete. Ihre Familie war enttäuscht, das Muster der Reisetäuschung entlarvt – und angenehm war diese Art der Dokumentation ihrer Aussage nach auch nicht. Erst als sie auf der „echten“ Reise die Kamera aus der Hand legte und sich stattdessen den eigenen Gefühlen, den Gerüchen und der realen Atmosphäre hingab, konnte sie den wahren Grund für diese Reise wiederentdecken.
 

Genuss & Entspannung

Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal lustwandelten? Gemütlichen Schrittes durch einen Park, einen Fluss entlang oder auf einem Waldweg gingen? Welche Gedanken kamen Ihnen in jenem Moment in den Sinn? – Von vielen Menschen ist bekannt, dass sie erst während eines gemütlichen Spazierganges die richtigen Ideen fanden und sich mit jedem Schritt mehr Klarheit in ihre Gedanken schlich. Immanuel Kant folgte diesem Ritual mit pedantischer Genauigkeit, der englische Dichter William Wordsworth verfasste ganze Gedichte zu Fuß und für den Psychologen Daniel Kahneman ergaben sich die besten Experimente auf Spaziergängen mit seinem Freund und Kollegen Amos Tversky. Der Zustand, den die körperliche Bewegung im Geist hervorruft, lässt sich nicht besser beschreiben als mit den Worten Ernst Barlachs, die er seiner Skulptur „Der Spaziergänger“ mit auf den Weg gab: Das Spazieren sei „ein Hängen im großen, bloßen Dasein ohne Zeiteinteilung“.

 
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In Bronze gegossenes Welt-Erleben. Seinen "Spaziergänger" formte Ernst Barlach getreu seiner Devise des "Hängen im bloßen Dasein ohne Zeiteinteilung". Der Schritt ist weit und lustvoll. Der Blick erhoben, aber nicht fordernd. 

Auf den kurzen Rundgang passt dieser Satz ebenso wie auf die ausgedehnte Wanderung. Das Gefühl der meditativen Einkehr ohne Gedanken an eine zeitliche Begrenzung machte Caspar David Friedrich zum zentralen Motiv seiner Werke. Wie sehr diese innere Einkehr mit der Ungewissheit der Zukunft vereint ist, zeigt sich uns, wenn wir dem „Wanderer über dem Nebelmeer“ folgen. Ein Blick über den Dunst aus Wolken bringt uns den eigenen, unwägbaren Lebensweg näher, und doch lässt der Protagonist in seiner stolzen, aufrechten Haltung keine Verzweiflung zu. An diesem Punkt wird klar: Die Reise ist immer auch eine Metapher für das Leben.

 
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Als Inbegriff der Romantik zeigt er den Wanderer im Aufbruch. Als Titelmotiv von "The Emotionalist" steht er für den Überblick über und die Begeisterung für die verborgene Vielfalt der Welt.

Reisen – eine Metapher für das Leben

„Der Weg ist das Ziel“ – ist das nun wirklich der richtige Zeitpunkt, so kurz vor dem Ende ein derart abgedroschenes Zitat hervorzuholen? Ja, denn die Bedeutung des Satzes reicht weiter zurück, als die Vielzahl an Motivationsbüchern und Wand-Tattoos vermuten lässt. Vor gut 2.400 Jahren, als sich in China die Lehren des Lao-Tse zu einer philosophischen Strömung entwickelten, wurde auch dem Gehen ein wichtiger Einfluss auf die philosophische Einkehr zugesprochen. „Dao“, was im ursprünglichen Chinesisch „Weg“ bedeutete, wurde die Grundlage des „Daoismus“, der neben dem Konfuzianismus und Buddhismus heute als eine der „drei Lehren“ gilt, die die Geschichte Chinas geprägt haben.

Denn auch wenn wir bis hierhin nur über das Reisen als selbstgewählte und beabsichtigte Veränderung gesprochen haben, ist doch gerade die letzte Reise diejenige mit einem ungewissen – manche meinen, unendlichen – Ausgang. Und auch bei dieser Reise können wir uns ein Ziel erträumen, sämtliche Vorbereitungen treffen und den Weg erkunden –  doch was wir am Ende vorfinden, ist offen.

„Dao“, im heutigen Sinn des Daoismus, bezieht sich auf das Absolute, die uranfängliche Einheit. Es lässt sich nicht in Worte fassen. So ist das auf einer Reise, die Veränderungen mit sich bringt.

 
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Im Schweizer Engadin beobachtete Giovanni Segantini den Zug einer Familie, die ihren toten Sohn nach Hause brachten. Von rechts nach links bewegt sich das Gespann, es ist der Weg zurück. Und doch liegt im Glimmen der Bergkette, eine schimmernde Hoffnung und Sehnsucht über der Gruppe.