Bauen! Einziehen! Leben!

In der Not, neuen bezahlbaren Stadtwohnraum zu schaffen, erhält eine alte Idee der Menschheit neuen Aufwind: die Planstadt. Sie verspricht viel Freiheit – und viele Herausforderungen.

 

 

Die Idee, eine Stadt von Grund auf zu planen, ist nicht sonderlich neu. Einer freien und nutzbaren Fläche eine Bedeutung zuzuweisen, kann man als einfache strategische Planung betrachten. Schon in der Antike wurden Städte bei ihrer Erweiterung, aber auch Neugründung nach dem sogenannten hippodamischen Schema angelegt. Rasterwohnanlagen sortierten sich um eine zentrale Agora und sollten die gedankliche Gleichstellung aller Bürger (nun, fast aller Bürger) in städtebaulicher Form verwirklichen. Die europäische Hochzeit der Stadtplanung folgte wiederum im Barock. Parks, wie auch ganze Stadtteile, wurden auf Grundlage von geometrischen Mustern angelegt und sollten so ihren repräsentativen Charakter entfalten. Von da an ist es nicht mehr weit bis zur heutigen Form der Stadtplanung, die sich ebenfalls auf ideelle Grundlagen bezieht, wenn über Bebauung und Nutzung eines Raumes diskutiert wird. Nur: Seit jeher liegt über dieser Aufgabe ein unauflösbares Paradoxon.

Um dieses zu verstehen, begeben wir uns auf einen Ausflug nach Amsterdam. Genauer gesagt in das Viertel Bijlmermeer, einen Stadtteil, wie es ihn so oft in Europa gibt. Von Weitem erkennt man die hexagonalen Wohnblöcke, in denen zum Großteil Menschen wohnen, denen die eigenen – oder staatlichen – finanziellen Möglichkeiten keinen anderen Wohnort ermöglichen. Dies ist die Realität heute. Die Vision bei der Errichtung des Viertels war eine andere. Im Bijlmermeer sollte mehr entstehen als nur ein Wohnort. Es sollte ein Ort der Moderne werden, an dem die Vision eines neuen Wohnens Wirklichkeit wurde. Die Ausrichtung nach der Sonne war das Grundprinzip, die Wohnungen in ihrer Gestaltung und Größe gleichwertig, Autos, Radfahrer und Fußgänger bekamen eigene Wege – Hippodamos wäre stolz gewesen. 

In den 1960er Jahren, als die Planung zum Stadtteil Bijlmermeer begann, war die Zeit der großen Zukunftsvisionen bereits voll im Gang. Der Mensch flog zum Mond und hatte sich in neue technisch-mögliche Dimensionen katapultiert, in denen alles möglich schien. Zuvor war die städtebauliche „Stunde null“ nach dem zweiten Weltkrieg zur rechten Zeit für eine Gruppe von Architekten und Stadtplaner gekommen. Ohne Zynismus kann man sagen, dass die Visionen der CIAM um Le Corbusier sich ohne die breitflächige Zerstörung in Europa nicht in ihrer Kraft entfaltet hätten.

 
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Als “universelle Stadt” nach den Ideen von Sri Aurobindo gegründet, ist das von der UNESCO unterstützte Projekt, ein einzigartiges Beispiel für den Aufbau einer umfassenden Planstadt.

Auch Siegfried Nassuths Vision in Amsterdam wurde inspiriert durch die architektonische Schule Le Corbusiers. Allein nach Fertigstellung des Projektes blieb die breite Euphorie aus – und viele Wohnungen leer. Neben stadtplanerischen Missständen – so führte etwa bis Anfang der 1970er Jahre keine Bahn in das Viertel, sondern nur eine Straße – gingen viele architektonische Ideen an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen vorbei. Die absolute Austauschbarkeit und Gleichförmigkeit der Wohnungen, ein Ideal des Projektes, schreckte Menschen ab und wurde nicht in seiner intendierten Bedeutung angenommen. Die erhöhten Autostraßen boten beste Rückzugsorte für den Drogenhandel. Auswirkungen, an die niemand im ersten Schritt gedacht hatte.

Aus den Fehlern vergangener Jahrzehnte, wie sie in Amsterdam zu Tage getreten sind, hat man nun gelernt. Stadtteile, die heute von Grund auf neu geplant werden, versuchen sich schon in ihrer Entstehung eine gewisse Diversität einzuschreiben. Die Seestadt in Wien, die HafenCity in Hamburg oder Ørestad in Kopenhagen sind aktuelle Beispiele für ambitionierte Großprojekte. Doch bei der unumgänglichen Aufgabe, den angespannten Wohnungsmarkt europäischer Großstädte zu entlasten und neue Flächen auf schnelle, effektive Weise zu erschließen, bleibt das Paradoxon des Städtebaus weiter bestehen. Das Paradoxon zu beschreiben ist einfach. Die Lösung wiederum nicht.

Baut man einen Stadtteil von neu auf, kann man sehr genau einplanen, welche Wohn-, Arbeits- und Verkaufsflächen am Ende zur Verfügung stehen sollen. Man kann den Mix aus sozialem und freiem Wohnungsbau bestimmen – ebenso, welche Wirtschaftszweige sich im besten Fall ansiedeln sollen. Nicht bestimmen kann man jedoch, wie sich die Menschen hinter den harten Zahlen verhalten werden – und wie sie den gegebenen Raum für sich an- und einnehmen.

Genau hier liegt das Paradoxon. Man möchte, dass ein neuer Stadtteil ab dem ersten Tag belebt ist und sich in seine Umgebung natürlich einfügt. Diese Natürlichkeit nimmt man dem Ort jedoch schon dadurch, dass bei der Planung des Raumes jeder Quadratmeter in seiner Nutzung und Bedeutung bestimmt sein muss. Die BewohnerInnen müssen also hinnehmen, was für den Ort intendiert ist. Es ist ein passives Wohnen.

Eine Auflösung des Paradoxons hingegen braucht Mut und Zeit. Mut, den neuen Flächen teilweise ihre initiale Bedeutung zu nehmen. Und Zeit, auf die Ideen ihrer Nutzer zu warten. Denn eine Stadt wird erst dann zur Stadt, wenn das Leben organisch durch ihre BewohnerInnen entsteht. Egal, ob es sich dabei um große Metropolen oder kleine Quartiere handelt, die wirkliche Nutzung einer Fläche kann sich erst nach und nach entfalten.