Fragmente des Alltags

Es gibt Momente, da kommt es einem fast so vor, als bestehe das Leben aus einer Vielzahl von Wiederholungen und wiederkehrenden Ereignissen. – Ein subjektiver Blick auf die leuchtenden Momente.

 

 

Auf dem Tisch vibriert das Telefon. Um diese Uhrzeit ruft eigentlich niemand mehr an. Als ich auf das Display blicke, macht mein Herz einen unerwarteten Sprung. So unerwartet, wie der bekannte Name in Weiß auf Schwarz aus dem Nichts kam.

Vor einer halben Stunde hat sich der Zug in Bewegung gesetzt. Das 6er-Abteil ist zur Hälfte besetzt. So ist es gerade noch angenehm, die Beine stoßen nicht aneinander, der Blick richtet sich nicht zwangsweise aus dem Fenster. Denn eigentlich ist in dieser Konstellation alles auf Kommunikation ausgerichtet – nur die Menschen in ihr nicht. Die Frau auf dem äußeren Sitz muss plötzlich und sehr laut niesen. Ihr Niesen durchbricht die Ruhe. Für einen Moment herrscht herrscht ungewisse Stille. „Gesundheit“, sage ich. „Danke“, sagt die Frau. Es kann so einfach sein.

Spät am Abend laufen wir durch die engen Gassen. Es ist Samstagabend und scheinbar unmöglich, einen Tisch zu bekommen. Eine Adresse steht noch aus, an der wir unser Glück versuchen wollen. Wie so oft findet sich auch heute hier noch ein kleiner Tisch in der Auslage. Die Karte? Nein, danke, wir wissen es bereits, die Knödel mit Ei, bitte. Gerne. Schon der Gedanke löst die wohlige Wärme aus, die sich später in gabelgroße Portionen aufteilen lässt. Ein Gefühl, das keine Tageszeit kennt.

 
lugoz_1000.jpg

Fragmente als Gebilde – In Andrew B. Myers Fotografien bilden gleiche Teile je nach Zusammensetzung immer wieder neue Formen und Gebilde.

Wahrscheinlich wäre ich nicht hineingegangen, hätte die Freundin nicht ausdrücklich darauf bestanden. In dem Reiseführer wurde das Haus als „uriger Landgasthof in zentraler Lage“ beschrieben. Ich dachte an schwere deutsche Kost, die in dunkler Bratensoße bis zur Unkenntlichkeit ertränkt wird. Beim Eintreten ein anderes Gefühl: Es ist die Erinnerung an unzählige Geburtstage und golden-silber-diamantene Hochzeiten, die wir in solchem Ambiente gefeiert haben. Die Fliesenböden, die bestickten Halbvorhänge, die ehrliche Herzlichkeit des Personals. Ich konnte dem Reiseführer seine Beschreibung nicht verübeln.

Es gibt diesen einen Moment, wenn der unbekannte Weg, den man anfangs nur zufällig streifte, dann auf der Karte wiederfand und schlussendlich immer wieder zielsicher aufsucht, zu einem Lieblingsort wird. Wo man die kleinen Veränderungen mehr und mehr wahrnimmt und jeder Meter ein Teil des eigenen Ich wird.

Einmal die Woche fuhr der Zug das Feld entlang. Nun gut, er fuhr die Strecke wahrscheinlich mehrmals am Tag, doch nur einmal in der Woche saß auch ich mit drin. Die subjektive Selektion ist wahrlich kein glänzender Wesenszug. Ohne sie hätte ich jedoch wahrscheinlich nicht den erhebenden Moment an jenem Morgen erlebt. Auf einer Seite des Horizonts zuckten die ersten Sonnenstrahlen durch die dichte Nebeldecke. Nach und nach wandelte sich die Struktur der grauen Wand von weich-hellgrau zu fleckig-gelbgrau. Das Fehlen der Farben machte der Sonnenaufgang mit seinen Strukturen wett.

Das untere Geschoss steht im Zeichen der Popularität. Bands, Schauspieler, Sänger – die Liste der Motive von Anton Corbijn ist lang. Überdimensional nehmen die Porträts den Betrachter mit ihrer ganzen Kraft in Besitz. Die Schulklasse, die gerade noch vor der abgedunkelten Tür gewartet hat, tritt lärmend in den Raum und verteilt sich aufgeregt. Das Museumspersonal geht zügig und ermahnend durch die Gruppen. Ihre Arbeit dauert nicht allzu lang. Als die Klasse vor dem Bild von Ian Curtis stehen bleibt, verstummen sie Es bedarf keiner Worte mehr.

Der Weg ist unverändert. Erst die langgezogene, abschüssige Kurve, dann links auf den Waldweg, das kurze Auf und Ab über die Wurzeln der wild verteilten Bäume, schlussendlich der weite Blick über den Fluss. Hier erkenne ich die Jahreszeiten, ihre Veränderungen, ihren ständigen Einfluss auf unsere Handlungen. Der Wald bleibt, der Blick bleibt – und doch verändert sich alles.