Der ist super? Das reicht nicht!

Als Jugend-Chefscout des FC St. Pauli hat Marco Feldhusen Muster von fußballerischer Qualität und persönlicher Reife ständig im Blick. Ein Gespräch über den unablässigen Blick auf das Außergewöhnliche, die Aufgabe, Gefühle in Fakten auszudrücken und das Quäntchen Glück.

 

 

Wenn sich Marco Feldhusen heute selbst auf die Suche nach fußballerischen Talenten begibt, vergisst er dabei nicht, dass sein eigener Weg ebenfalls mit einer „Entdeckung“ begann. Als Vertragsamateur spielte Marco Feldhusen in der Oberliga Nord, der damaligen 3. Liga, sein Sohn einige Alters- und Spielklassen tiefer. In der F-Jugend des SV Börnsen fehlte es an motiviertem Personal, sodass sich Marco Feldhusen kurzerhand dazu entschloss, die Jugendmannschaft nebenbei zu trainieren. „Anfangs waren wir noch zu zweit – ein anderer Vater und ich – aber wie das dann oft so ist, kam er nicht mehr und ich hab’ das dann alleine gemacht.“ Das erste Spiel für ihn an der Seitenlinie ging mit 15:0 verloren, doch am Ende der Saison stand der Pokal der Hamburger Hallenmeisterschaft in der Vitrine. Auf diesen überraschenden Erfolg wurde auch sein alter Wegbegleiter Stephan Kerber aufmerksam. Kerber war zu diesem Zeitpunkt DFB-Stützpunktkoordinator und lud Marco Feldhusen ein, als Stützpunkttrainer fußballerische Rohdiamanten in Hamburg und Umgebung ausfindig zu machen. Als besonders hilfreich erwies sich in dieser Zeit seine Trainerausbildung, die er bis zur A-Lizenz abschloss. Ein taktischer Hintergrund und der strategische Blick auf die Fähigkeiten eines Spielers bildeten das Fundament für seine erfolgreiche Arbeit im DFB-Stützpunkt. Ab der Saison 2007/08 führte er diese Arbeit beim FC St. Pauli als Chefscout des Nachwuchsleistungszentrums fort. 11 Jahre sind seither vergangen, in denen Marco Feldhusen viele kommen und gehen gesehen hat – und nicht selten dafür verantwortlich war.


Du bist Montag bis Sonntag in und um Hamburg unterwegs, immer auf der Suche nach besonderen Talenten. Gab es schon einmal den Moment, in dem ein Spieler so gut war, dass du ihn auf den ersten Blick verpflichten wolltest?

Marco Feldhusen: (überlegt) Nee. Also das gibt es natürlich schon, dass man ein Gefühl dafür entwickelt und sagen kann: „Oh wow, das ist schon mal ’ne Rakete“. Aber es kommt natürlich auch darauf an, worauf man gerade achtet. Wenn ich zu einem Spiel gehe und weiß, dass meine Mannschaft einen Innenverteidiger braucht, achte ich mehr auf die Defensive. Aber wenn ich jetzt einfach mal, ohne irgendwelche Vorgaben, auf „Trockenscouting“ gehe und mir fällt ein Spieler auf, ist es nicht so, dass es so enden würde – (schnipst) „den muss ich haben, sofort, wir setzen alles auf eine Karte“.


Wie würdest du in einem Satz die Arbeit eines Scouts erklären?

Marco Feldhusen: Man muss Talente suchen, erkennen und verpflichten – das ist nämlich auch noch so eine Sache – und wenn wir sie denn haben, auch fördern.


Würdest du sagen, dass es „Muster“ gibt, nach denen du scoutest?

Marco Feldhusen: Wir haben da ein „5-Finger-Prinzip“: das Fußballerische, die Athletik, die Psyche, das Umfeld und das Schulische. Man bekommt heute über Medien oder Kontakte zu Trainern und Betreuern auch schon im Vorwege viel über die Spieler raus. Denn auch wenn er mich fußballerisch überzeugt hat, muss man noch ganz viele Informationen sammeln. So bildet man sich dann einfach ein Gesamtpaket. Die Hintergründe zu kennen – zum Beispiel, wenn es familiär schwer ist – ist wichtig, um mit den Spielern gut umzugehen.

 
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Das erste Spiel für ihn an der Seitenlinie ging mit 15:0 verloren, doch am Ende der Saison stand der Pokal der Hamburger Hallenmeisterschaft in der Vitrine. Heute ist für Marco Feldhusen, das gelernte taktische Wissen die Grundlage bei der Suche nach neuen Talenten.

Gibt es in Bezug auf St. Pauli bestimmte Eckpunkte, die euch besonders wichtig sind?

Marco Feldhusen: Also, es gibt schon ganz klare Kriterien, auf die wir schauen, aber der Fußball ändert sich natürlich auch ständig. Mal ist es die Schnelligkeit, mal ist man auf Größe aus. In erster Linie, wenn wir von Mustern reden, gibt es schon klare Vorstellungen für die einzelnen Positionen. Ein Innenverteidiger oder ein Torwart muss bestimmte Anlagen mitbringen. Und klar gibt es Beispiele, die da rausfallen. In Italien gab es den Innenverteidiger Fabio Cannavaro, der war nur 1,76 m groß, ist aber bei der WM 2006 Spieler des Turniers geworden. Aber grundsätzlich ist jede Position von uns klar definiert, sodass wir sagen können, das muss der Spieler im besten Fall mitbringen.


Musst du dich dabei manchmal von deinen eigenen Vorstellungen lösen?

Marco Feldhusen: Das spielt schon ‘ne Rolle, aber nur in der Form, dass ich es natürlich zurückstellen muss, wenn ich einen Spieler – oder auch Berater – persönlich gar nicht leiden mag. Dann blende ich das aus und gehe nur nach den festgelegten Kriterien.


Was sind dabei die wichtigsten Eigenschaften, die abseits des Feldes entscheidend sind?

Marco Feldhusen: Es ist auf jeden Fall wichtig, dass der Spieler zum Verein passt. Er muss natürlich nicht links sein oder eine politische Ausrüstung mitbringen, weil der FC St. Pauli ein eher links ausgerichteter Verein ist. Wenn es wirklich politische oder persönliche Verfehlungen gab, die nicht zum Verein passen, dann kann er das größte Talent sein, wir werden ihn nicht verpflichten. Aber auch das Schulische ist uns wirklich wichtig. Wir lassen uns da auch zweimal im Jahr die Zeugnisse der Spieler geben, um zu schauen, ob wir diesem Jungen eventuell Unterstützung zukommen lassen.


Bis jetzt hast du oft davon gesprochen, dass es „ein Gefühl ist“, ob ein Spieler passt oder nicht. Bei einer Verpflichtung muss man dieses Gefühl doch aber auf Fakten runterbrechen?

Marco Feldhusen: Genau. Zu sagen: „Der ist super, ich habe ein gutes Gefühl bei dem“ – das reicht nicht! Denn wir haben ja auch eine Verpflichtung unseren Jungs gegenüber. Im Leistungsfußball ist es so: Wenn einer kommt, muss einer gehen. Wenn ich also einen neuen Top-5-Spieler anbringe, muss einer von den unteren fünf Wackelkandidaten die Mannschaft verlassen. Somit haben wir auch eine große Verantwortung für unseren bestehenden Kader.


An welchen Punkten macht man die Unterschiede dann fest?

Marco Feldhusen: Der Köln-Bochum-Test ist da ein gutes Mittel, um Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Dribbling im Jugendbereich zu testen. Dabei sieht man dann bei einer Mannschaft sehr schnell: Hier fehlt uns z. B. Geschwindigkeit – unabhängig von den Namen. Anhand dieser Merkmale kann man seine Entscheidungen dann gut argumentieren und sagen: Das ist ein Junge, der uns auf Anhieb verstärken wird!


Zum Schluss die etwas flapsige Frage: Zu wie viel Prozent ist das Scouting ein Glücksspiel?

Marco Feldhusen: Glück ... (zögert) 30 Prozent. Aber vielleicht würde ich es mehr als Unsicherheit bezeichnen. Ein Beispiel: Youssoufa Moukoko, zurzeit wohl der bekannteste und beste Jugendspieler, spielt jetzt bei Dortmund. Ich habe ihn bei uns zum Probetraining eingeladen und schon da war er überragend. Er war auch von Anfang an von der Größe und der Athletik sofort interessant. Da hat man dann mal „Glück“, dass er einem über den Weg läuft. Aber Glück ist es nicht, wenn man dann sagt, ich verpflichte ihn und der schlägt mal ganz groß ein. Aber die Unsicherheit bleibt natürlich. Heutzutage ist die Presse drin, Geld, Ausrüster, Berater. Da gibt es die wildesten Geschichten, aber wenn man das durchsteht, einen guten Berater hat und gerade bleibt, dann schafft man es.


Vielen Dank für das Gespräch, Marco Feldhusen.