Die Erschaffung eines Synonyms

Mit einer bis dahin unbekannten Qualität und Innovationskraft legte „Sonnentor“ in den 1990er-Jahren den Grundstein für die weitere Entwicklung der Bio-Branche. Doch wie nahm diese Entwicklung ihren Anfang und was kann man noch heute aus den frühen Entscheidungen ableiten. 

 

 

Am Ende der 80er Jahre gehörte das Waldviertel wahrlich nicht zu jenen Gegenden, die man landläufig als Nabel der Welt bezeichnet hätte. Und auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs konnte man sich hier im äußersten Norden Österreichs dem Ende der Welt recht nah fühlen. Die neue geographische Offenheit änderte wenig an dieser Situation. Industriebetriebe wollten sich nicht ansiedeln und die Voraussetzungen für die Landwirtschaft waren hier noch nie besonders gut. Wo zu dieser Zeit viele Menschen das Gefühl hatten nur unumgänglichen Schwierigkeiten gegenüber zu stehen und immer öfter daran dachten ihre Heimat zu verlassen, suchte Johannes Gutmann nach einem anderen Weg.

Bis heute lässt der steinige und trockene Boden den Anbau von Getreide oder anderen Nutzpflanzen nur schwer zu. Dem rauen Klima der Region hingegen etwas abzugewinnen schaffen nur einige widerstandsfähige Kräuter. Aber was heißt nur einige Kräuter? Mit dem Erfahrungsschatz der Waldviertel Bauern und dem Wissen seiner eigenen Familie begann Johannes Gutmann die Kräuter in bester Qualität und nach biologischen Grundsätzen anzubauen. Eine Entscheidung, die er aus tiefster Überzeugung und voller Vertrauen in die Möglichkeiten seiner Heimat traf. So begann die Geschichte von Sonnentor.

 
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Bis heute ist die enge Zusammen-arbeit mit den Bauern und Bäuerinnen der Umgebung ein wichtiger Erfolgsfaktor
von Sonnentor.

Im Jahr 1995 trat Österreich der Europäischen Union bei und übernahm nicht nur eine Anzahl an Gesetzen, sondern auch einen Teil der östlichen Außengrenze der Gemeinschaft. Viele Regionen, unter ihnen auch das Waldviertel, galten von nun an als „Förderregionen“. Nach und nach wurden Gelder zur Verfügung gestellt, die zum Ausbau der Infrastruktur und der Unterstützung von regionalen Unternehmen beitragen sollten.

Auch für Johannes Gutmann stellten diese Fördermaßnahmen eine große Chance dar, einen Schritt weiter zu gehen und Sonnentor über die Grenzen der Region hinaus bekannt zu machen. Es war also ein Kommunikationsfachmann gefragt, der dem jungen Unternehmen einen Schub in der öffentlichen Wahrnehmung geben konnte. Zu dieser Zeit war der Designer Peter Schmid im Auftrag der Wirtschaftskammer Niederösterreich unterwegs, um jungen Unternehmen genau in dieser strategischen Neuausrichtung und Gestaltung von Kommunikationsmitteln zu unterstützen. Und so kam es, dass Peter Schmid sich eines Morgens im Juni 1992 in der Küche des Bauernhauses von Johannes Gutmann wiederfand.

Vom ersten Moment an waren sie vom Ideenreichtum des Anderen begeistert und vertieften sich in die Frage, wie die Philosophie des jungen Unternehmers in die Welt getragen werden konnte. Nicht die einfachste Aufgabe in einer Zeit, als „bio“ nach Verzicht schrie und es für viele bedeutete, den Jutesack gleich noch mitzuessen. Eine Einstellung, die im kompletten Gegensatz zu dem stand, was Peter Schmid in den Produkten von Sonnentor sah. Er verband die duftenden Kräuter- und Gewürzmischungen mit Lebensfreude, Genuss und Echtheit. Nach und nach zeichnete sich so ein Weg ab, der neu war und anders. 

 
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Der weite Blick auf das Sonnenblumenfeld hatte nichts von Verzicht und Enthaltsamkeit. Das Wort "bio" versprach Anfang der 90er Jahre allerdings genau das. Es war Zeit dieses Vorurteil aus der Welt zu schaffen.

In der Retrospektive wirkt vieles oft einfach, logisch und irgendwie unausweichlich. Woher kommt aber dieses Gespür für den „richtigen“ Moment, an dem in einer Branche etwas Neues möglich ist, an das vorher noch niemand gedacht hat? Er entsteht langsam und behutsam durch das wiederkehrende Verknüpfen von visuellen Eindrücken und Begegnungen, verbunden mit einer Lust und Begeisterung für das Unbekannte. Peter Schmid fasst diese Aufgabe passend zusammen: „Es geht darum mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und immer ein Ohr am Boden zu haben“. Aber auch dann bleibt noch das ausschlaggebende, nicht-definierbare Gefühl für den Moment. Man kann eine Vision skizzieren, sich ihr mit gedanklicher Offenheit nähern, zur Umsetzung bedarf es aber einer konstanten, offenen Diskussionskultur und einer großen Portion Mut.

Und genau diesen Mut hatten Johannes Gutmann und Peter Schmid. Sie entschieden sich also den neuen, anderen Weg zu gehen und etwas zu probieren. Eine Entscheidung, die nicht nur wegweisend sein sollte für Sonnentor, sondern gleichzeitig eine gesamte Branche auf den Kopf stellen würde. – Als erster Meilenstein entstanden neue Verpackungen, die durch Bilder und Illustrationen Geschichten erzählten. Und diese Geschichten fanden sie direkt vor der Hoftür, zum einen in den naturverbundenen Menschen, die für den Anbau und die Herstellung der Kräuter und Gewürze verantwortlich sind, andererseits in der jahrtausendealten Mystik des Waldviertels. Bis heute entfaltet die Anziehungskraft dieses unverwechselbaren und selbstbewussten Designs eine außergewöhnliche Wirkung, die maßgeblich zum Image beiträgt, das die physische Größe des Unternehmens weit übersteigt.

 
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In über 50 Länder liefert Sonnentor heute seine Produkte. Seine Wurzeln hat das Unternehmen aber auch heute noch im österreichischen Waldviertel.

Mehr als 25 Jahre nach dem ersten Treffen in Sprögnitz, hat sich aus dem einstigen Ein-Mann-Betrieb Schritt für Schritt ein Unternehmen entwickelt, das weit über die Grenzen Österreichs und Europas hinaus strahlt. Ein Grund für diesen Siegeszug war auch die anhaltende Innovationskraft von Johannes Gutmann und Peter Schmid. Jahr für Jahr fanden sich neue vielversprechende und ungewöhnliche Möglichkeiten. So blieb es nicht bei der Herstellung von traditionellen Kräuterprodukten. Nach und entstanden unter anderem in eine eigene Apothekenlinie, eine Reihe von Geschäften, ein Bio-Restaurant und der legendäre Tee-Adventkalender. So vielfältig die Ideen am Anfang schienen, war ihnen doch gemein, dass sie alle die Herkunft der Marke neu interpretierten und auf eine eigene Weise universelle Sehnsüchte und Wünsche erfüllten. Die Werte von Sonnentor – Authentizität, Bodenständigkeit und Lebensfreude – fanden so ihren Weg in die Welt.

Es ist eine beachtliche Leistung, dass diese Eigenschaften über die Jahre gleichbedeutend wurden mit Sonnentor. – Weitaus bemerkenswerter jedoch ist, dass durch die Ideen der beiden Visionäre eine gesamte Branche revolutioniert und der gesellschaftliche Blick auf biologische Produkte nachhaltig verändert wurde.