Nach dem Überschlag

Die Welle der Digitalisierung wird über die Welt von heute hereinbrechen. Nichts wird sein wie zuvor! – Wirklich? Wir nehmen uns Zeit für die lange Sicht auf die scheinbar übermächtigen Veränderungen.

 

 

 Da kann man ja ganz schön Angst bekommen. Mal sind es weltweit 800 Millionen Jobs, die in den nächsten 10 Jahren wegfallen werden, dann wieder 75 Millionen in den nächsten 5 Jahren. 1/3 aller ArbeitnehmerInnen, sagt das McKinsey Global Institute, müssen sich neue Fähigkeiten aneignen, um die Anforderungen der neu entstehenden Jobs zu erfüllen. Und mit welcher Wahrscheinlichkeit auch Ihr Job in Zukunft nicht mehr von einer realen Person ausgeführt werden muss, lässt sich aufregend genau in der wohl meistzitierten Studie der vergangenen Jahre von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne nachlesen.  

Jede Branche wird disruptiert, jeder Aspekt des Lebens digitalisiert, alles unterliegt zentrifugalen Kräften. Der Hype rund um den Untergang der bestehenden Welt ist nach wie vor ein gern gesungenes Lied. Die Angst davor, dass ein Job durch einen kalten, seelenlosen Roboter ersetzt wird, steht als große Gefahr im Mittelpunkt – und ist doch oft unbegründet. Schauen wir etwas genauer in die eben genannte Studie von Frey und Osborne, werden zwei Ebenen ersichtlich, nach denen die Wahrscheinlichkeit einer „Ersetzung“ bestimmt werden kann. So sind manuelle Aufgaben besser zu ersetzen als kognitive Aufgaben und Routineaufgaben leichter als Nicht-Routineaufgaben.

Sprechen wir von manuellen Routineaufgaben, kommt einem sofort das Bild der Arbeiterin am Fließband oder des Busfahrers ins Bild. Doch auch kognitive Aufgaben sind oft in größerem Maße Routineaufgaben, als man zuallererst denkt. In der Buchhaltung beispielsweise bleibt nichts, wie es einmal war. 94 % aller heutigen Jobs der Branche sind daher in Gefahr.

Nun, da all diese Zahlen wie Mahnmale groß und breit im Raum stehen, ist es an der Zeit, etwas harte Realität darüberzugießen. Denn auch wenn die Digitalisierung in großen Wellen auf uns zurollt, gilt es einiges wieder geradezurücken. Denn in manchen Punkten erinnert die aktuelle Diskussion darüber, wie die (Arbeits-)Welt der Zukunft aussehen wird, in ihrer Form an Diskussionen der 1960er Jahre, als man sich ausmalte, wie das Jahr 2010 aussehen würde. Man neigte zu Übertreibungen, da gemäßigte Vorstellungen abwegig und langweilig erschienen.

Möchte man sich heute einer möglichen (langweiligen) Zukunft nähern, stößt man daher schnell auf reale Probleme, die die scheinbare Übermacht der Digitalisierung in den kommenden Jahren begrenzen werden.  

 
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Der österreichische Künstler Erwin Wurm platzierte seine “House Attack” auf dem Museum für Moderne Kunst in Wien im Jahr 2006. In seiner dazugehörigen Ausstellung “Keep a cool head” reflektierte er den gesellschaftlichen Schlankheitswahn und Fettsucht, Mode, Werbung und Konsumkult, zu dessen zentralen Fetischen das Eigenheim wie auch das Auto zählen.

Problem #1 – Mehr, viel mehr Rechenleistung

Soll ein Job ersetzt werden, so muss dieser von einem selbstlernenden Programm gesteuert werden. Fachlich: auf Basis von Machine Learning. Eine Software lernt, von realen Handlungen Muster abzuleiten und daraufhin mögliche Handlungsalternativen zu bestimmen. Umso routinebasierter ein Job ist, umso weniger Handlungen und Alternativen muss die Software lernen. Diese Aufgabe ist auch mit der Rechenleistung heutiger Computer zu schaffen. Doch für komplexere, das heißt weniger routinierte Jobs, dauert diese Analyse deutlich zu lange. Quantencomputer, die in einem Bruchteil der aktuellen Zeit diese Aufgaben lösen könnten, gibt es bereits. Doch die Massentauglichkeit dieser Computer liegt in noch nicht absehbarer Ferne.

Problem #2 – Infrastruktur

Für das nächste Problem kommen wir noch einmal auf unsere Busfahrer zurück. Genauer gesagt auf Busfahrer, die Touren über lange Strecken durchführen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass diese Berufsgruppe ersetzt wird, schätzen Frey und Osborne auf 89 %. Die Kollegen aus der Stadt sind da etwas besser dran, für sie wird eine Wahrscheinlichkeit von 76 % angegeben. Eine gewaltige Zahl für die Überlandfahrer – mit einer Fußnote: Denn sollte dieser Bus ohne lenkendes Personal fahren, bedarf es einer stabilen Internetverbindung, die Übertragungsraten im Gigabitbereich liefern kann. Heute kommt diese Rate erst bei 6,6 % der Bevölkerung an. Und das auch nur zuhause. Im mobilen Bereich gibt es die Technik natürlich auch schon: 5G nennt sich hier der Standard des kommenden Jahrzehnts. Ob dieser auch in Deutschland flächendeckend verfügbar sein wird, bleibt fraglich. Die Telekom, die dabei ist, die mobilen Netzrechte für die nächsten Jahre zu erwerben, hat in diesem Zusammenhang schon angedeutet, nicht 100 % der ländlichen Regionen mit dem neuen Standard versorgen zu können – oder besser gesagt, zu wollen, da dies finanzielle Einbußen nach sich ziehen würde. Ein Bus, der nun ohne Fahrer außerhalb der Stadt im besten Falle stehen bleibt und im schlimmsten Fall ein Verkehrsrisiko darstellt, ist daher vorerst nicht denkbar.

Problem #3 – Der Mensch

Nun gut, ich gebe zu, die Überschrift ist durchaus polemisch. Doch bei der näheren Betrachtung kommender Probleme ist es allerdings von entscheidender Bedeutung, genau die Personen unter die Lupe zu nehmen, die in die Mühlen der Digitalisierung geraten werden. Denn schon heute entwickelt sich in der digitalen Welt eine Kluft, die sich in Zukunft immer mehr vertiefen könnte: die Kluft zwischen digitalen Arbeitern und digitalen Kapitalisten. Wem diese Begriffe zu groß und zu sehr nach Klassenkampf klingen, dem sei eine andere Erklärung ans Herz gelegt: Es geht vielmehr um die Frage, wer kommende Veränderung beeinflusst und wer sie ausführt.  

In diesem Zusammenhang führt man gerne an, dass doch genau die Digitalisierung es den Menschen ermögliche, frei zu entscheiden, wie und wann und wo sie arbeiten möchten. Niemand müsse sich mehr den starren Strukturen eines alten Arbeitsmarktes stellen.

Was auf den ersten Blick als die individuelle Lösung eines schier übermächtigen Problems erscheint, führt uns jedoch abschließend zu einer modifizierten Sicht auf die aktuelle Debatte: Denn wo die Digitalisierung zu Individualisierung führt und dadurch kurzfristige Arbeitsverhältnisse, schnelle Ortswechsel und oberflächliche persönliche Bindungen on- und offline fördert, steht am Ende eine Sehnsucht nach mehr Nähe und Interaktion. „Menschen wollen mit Menschen agieren“, sagt auch Christoph Keese, Experte für digitale Transformation, und zeigt damit auf, welche Lücken entstehen, wenn immer mehr Aufgaben von automatisierten Programmen und „Robotern“ übernommen werden. 

In der Hysterie der Veränderung reicht es also vielleicht aus, einen Schritt zurückzutreten und sich bewusstzumachen, dass man nicht von heute auf morgen aus seinem bekannten Nest fallen wird. Dass Veränderungen langsam kommen und am Ende bleibt, was uns als Menschen schon immer ausgemacht hat: die Sehnsucht nach anderen.