Hab Lang Mut

Wenn das Ziel klar ist, können die kleinen, wechselnden Entscheidungen den Willen nicht schwächen. Ein Plädoyer für das Aushalten der Zeit und die Größe einer Lebensaufgabe.

 

 

Kurz noch schnell was fertigmachen. Dann geht es ja gleich weiter mit dem Einkauf. Ich muss noch das Paket zur Post bringen. Und warum habe ich das Treffen am Abend vergessen? Es scheint, als wäre unser alltägliches Leben durchsetzt von Entscheidungen, die wir sofort und unverzüglich treffen müssen – und können. Wenn wir dann doch einmal länger warten müssen, trifft es uns meist in Situationen, in die wir irgendwie, unglücklicherweise, hineingerutscht sind: Der Bus ist zu spät oder die Platzreservierung im Restaurant vertauscht – an diesen Punkten stockt die fein geölte Maschinerie der Tagesabläufe. Und nun brauchen wir Geduld.

Geduld, das ist mehr als nur die reine Beschreibung für das Ausharren in unverschuldeten Situationen. Doch um der Bedeutung des Wortes auf den Grund zu kommen, müssen wir einige Schritte zurückgehen und ein anderes, synonymes Wort in den Mittelpunkt stellen: Langmut. Eigentlich klingt das Wort doch reichlich gestelzt, überzogen und sowieso altertümlich. An eine Situation, in der ich einem guten Freund geraten hätte: „Übe dich in Langmut!“, kann ich mich nicht erinnern – und das, obwohl das Wort schon in seiner oberflächlichsten Betrachtung eine tiefere Bedeutung hat.

Auf die lange Strecke Mut zu beweisen, nicht der kurzfristigen Versuchung zu verfallen und den Geist auf ein weiter gefasstes Ziel zu richten, diese Definitionen lassen einen sofort an einen religiösen Hintergrund des Wortes denken. Es ist nicht überraschend, dass sich sowohl in der Bibel als auch im Koran Textstellen finden lassen, die die Gläubigen daran erinnern, dass Schwierig- und Ungerechtigkeiten nur mit der Hoffnung auf eine göttliche Fügung und dem Ausharren im Geist zu überwinden sind.

Sollen diese Worte eine unterordnende Haltung der Gläubigen hervorrufen, die keinen Zweifel am höheren göttlichen Ziel zulassen? Oder ist die Bedeutung weiter zu fassen? 

 
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Die Hauptschiff der Sagrada Familia ist ein einzigartiges Beispiel unermüdlicher Baukunst.

– Rutger Lanser auf unsplash.com

Als Martin Luther das Neue Testament aus dem Griechischen übersetzte, stand er an einigen Stellen der überlieferten Briefe dem Wort makrothymia gegenüber. Er entschied sich für die Übersetzung „Geduld“. Schaut man allerdings auf die genaue Wortbedeutung, wird ein neues Bild sichtbar. Makros lässt sich dabei mit groß oder lang bezeichnen, thymos mit Leidenschaft. Das Ziel, das ich mit Geduld verfolge, ist meine Leidenschaft und persönliches Ziel, für das ich Schwierigkeiten überstehen muss. Ich ordne mich nicht unter, da das Ziel mir nicht genommen werden kann.

Kehren wir wieder zurück zum gehetzten Alltag. Hier hängt dem Ausharren und Sich-geduldig-Zeigen oft eine negative Konnotation an. Wer abwartet, lässt andere handeln, verfolgt keine eigenen Ziele und hat die Hoheit über sein Leben verloren. Nach allem, was wir bisher hier gehört haben, möchte ich allerdings einwerfen: Genau das Gegenteil ist der Fall.

Geduld, Makrothymia, Langmut – unabhängig von den Begrifflichkeiten beschreibt es den Zustand, in dem ich sowohl das eigene Ziel als auch den möglichen Aktionsraum genau kenne. Ich handle in den Momenten, wo Veränderung möglich und Einfluss vorhanden ist. Im Gegensatz dazu gibt es die unumgänglichen Situationen, in denen ein Handeln mich dem Ziel nicht näherbringen würde. Zeit, sich auf den eigenen Kern zu besinnen, das Wissen um das eigene Ich zu bewahren und mit dem Bewusstsein zu leben, dass Veränderung auch weiterhin möglich ist.

 
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Die Bauarbeiten begannen im Jahr 1882. Seit dem wurde immer wieder diskutiert, die teuren Bauarbeiten einzustellen. Wenn alles gut geht, wird die Sagrada Familia in Barcelona 2026 zum 100. Todestag des Architekten Antoni Gaudí fertiggestellt werden – und für den Willen zur Vollendung stehen.

– Danil Sorokin auf unsplash.com

Es ist die wahrscheinlich schwerste Lebensaufgabe, in Momenten der Leere die positive Hoffnung aufrechtzuerhalten. Das gilt insbesondere heutzutage, wo wir es gewohnt sind, dass jede Situation mit wenigen Klicks verändert werden kann. Es hilft in solchen Momenten, sich das Bild des Bauern in Erinnerung zu rufen, der im Frühjahr die Saat aussät, Monate warten muss, in denen er der Witterung und dem Schicksal weitestgehend ausgeliefert ist, bis schlussendlich das erhoffte Ergebnis eintreten kann.

Und in der Zwischenzeit? Heißt es sowohl abzuwarten, sich mit den eigenen Zielen zu beschäftigen als auch den Mut und die Hoffnung über einen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Die Geduld gilt bis heute als eine der größten Tugenden, denn wir müssen sie uns mit vielen kleinen Schritten mühsam aneignen. Und dürfen dabei im Kleinen nicht das Große vergessen.