Es geht noch sehr, sehr lange!

Die höchsten Berge, die tiefsten Gräben oder doch eine Weltumsegelung? Was treibt Menschen an, nach dem Maximalen zu streben? – Eine Spurensuche.

 

 

Es ist dieser eine Satz meines Sportlehrers, den ich bis heute behalten habe. Er warf ihn immer dann seinen Schülern entgegen, wenn sie mal wieder für die nächste Runde keine Kraft mehr hatten. Nach seiner Sichtweise müssten wir allerdings sagen: keine Kraft mehr haben wollten. Denn die Antwort auf unser Gejammer war dann nur: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kann ich dir sagen: Es geht noch sehr, sehr lange!“

Vielleicht ist dieser Satz auch deshalb so hängen geblieben, weil in ihm mehr steckt als nur die Motivation zur kurzfristigen Überwindung körperlicher Strapazen. In diesen Worten steckt das Wissen, dass es vornehmlich der Gedanke, „nicht mehr zu können“, ist, der uns zum Aufhören bewegt. Und ebenso kann der Gedanke „zu können“ uns zum Weitermachen bewegen.

Wenn wir mehr wollen, können wir mehr. Strebt man also nach einem Ziel – extrem oder nicht – muss sich zuerst der Geist auf diesen Endzustand ausrichten. Dabei können auch meditative Techniken hilfreich sein, die genau diesen fokussierten Zustand zum Ziel haben. Der Geist löst sich vom Körper und die mentale Kraft entwickelt sich zum zentralen Gestaltungselement.

 
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Im Hochsprung erreichte Jack Metcalfe keine großen Erfolge. Im Dreisprung lief es dafür umso besser. Doch ob weit oder hoch – wie viele andere SportlerInnen zielte er auf das Maximum.

 

Wie weit die Beherrschung des Willens und die absolute Fokussierung auf ein Ziel führen können, zeigt die bewegende Geschichte des britischen Elitesoldaten Henry Worsley. Bereits als Kind war Worsley fasziniert von den Antarktisexpeditionen Ernest Shackletons. Als er später herausfand, dass er eine direkte Verbindung zu Shackleton hatte – Frank Worsley, ein entfernter Verwandter, war Kapitän auf mehreren Expeditionen Shackletons – steigerte dies seine Begeisterung immer weiter. 2008 startete er, nach mehreren Jahren im Dienst der britischen Armee, seine erste Expedition an den südlichsten Punkt der Erde. Sein Ziel: die Wege Shackletons nachzuempfinden.

Von der unwirklichen und extremen Welt aus Eis begeistert und faszinierte, führte Worsley im Jahr 2011 eine Gruppe von sechs Abenteurern bei der erfolgreichen Durchquerung der Antarktis auf der Amundsen-Route. Nach dieser historischen Tour fühlte er die Zeit gekommen, Größeres zu wagen, und dem Abenteuerwillen seines Vorbildes in nichts nachzustehen. Worsley wollte etwas schaffen, was noch niemand vor ihm geschafft hatte: die erste Solodurchquerung der Antarktis – ohne jegliche fremde Hilfe. Doch am 22. Januar 2016, etwas mehr als zwei Monate, nachdem er auf Berkner Island seine Expedition gestartet hatte, gab es keinen Ausweg mehr für ihn: Worsley drückte den Notfallknopf seines Satellitentelefons und rief 48 Kilometer vor dem Ziel das, wie er es oft scherzhaft genannt hatte, teuerste Taxi der Welt. Zwei Tage später erlag er in Punta Arenas (Chile) den Folgen einer Bauchfellentzündung.

Die unermüdliche Reise von Henry Worsley endete in Tragik. Erinnert wird meist nur an die Geschichten, die Strahlkraft und Heroik tragen, an die Siegreichen und Gewinner. Wie viele schafften es nicht auf den Gipfel, bevor der Mount Everest zum ersten Mal erfolgreich bestiegen wurde? Dass letztendlich jeder Einzelne auf diesen Weg mit dem einen, unumstößlichen Ziel aufbrach und sein Leben in jeder Form auf diesen absoluten Punkt ausrichtete, darf dabei nicht vergessen werden. 

Der Ruhm im Falle einer erstmaligen Besteigung, Begehung, Entdeckung mag für viele der frühen und auch heutigen Expeditionen ein motivierender Faktor zum Aufbruch sein. Für das Durchhalten im Moment ist die Vergänglichkeit dieses Momentes nicht sonderlich hilfreich. Denn diese Motivation kommt von außen. Die wahre Begeisterung, extreme Wege zu gehen, kommt aus dem Inneren. Bei Henry Worsley kam diese durch den Wunsch, die Pionierleistungen seines Vorbildes nachzuempfinden und in gewisser Weise eine Familiengeschichte weiterzuführen. Etwas weiter gefasst brachte die Form der inneren Begeisterung Edmund Hillary in seinem Buch „High Adventure“ zur Erstbesteigung des Mount Everest auf den Punkt:

„You don't have to be a hero to accomplish great things – to compete. You can just be an ordinary chap, sufficiently motivated to reach challenging goals.“ 

Mein Sportlehrer hatte also recht und war mehr als weise, wenn er wieder einmal mit Trainingsanzug und Trillerpfeife am Rande des Parks stand. Schau, deine Gedanken zeigen dir, wie weit das Ende noch weg ist, kannst du es schaffen? Möchtest du es schaffen? Es liegt bei dir.