Das gedrechselte Wort

Handwerkliche Produkte versprechen Einzigartigkeit und Qualität – haptische wie geistige. Schätzen wir ihre Individualität, so müssen wir ihnen mehr Zeit für ihre Entstehung einräumen.

 

 

Ist man auf der Suche nach einem neuen Esstisch, scheinen die Möglichkeiten unbegrenzt. Man kann sich entscheiden zwischen günstigen Produkten aus großen Möbelhäusern, individuellen Anfertigungen von einem Tischlereibetrieb oder auch einer innovativen Lösung eines Designbüros. Die Unterschiede in Qualität und Preis scheinen auf den ersten Blick ersichtlich. Doch warum lassen sich diese Einheiten nicht auf geistige Produkte übertragen?  

Bei haptischen Produkten entscheidet der Grad der persönlichen, menschlichen Herstellung über Preis und Qualität. Umso emsiger und genauer eine Person gearbeitet hat, so die Erwartungshaltung, desto höher sollte die Qualität sein. Da ist etwas dran, denn beschäftigt man sich über längere Zeit mit einem Gegenstand, fallen mit höherer Wahrscheinlichkeit Verfeinerungsmöglichkeiten auf. Die Auswahl der Werkzeuge ist präziser und technische Feinheiten sind akkurater. Es ist nicht vermessen zu sagen, dass all das auch für die geistige Form der Produktion gilt. Nur: Diese Parameter sind oft nicht auf den ersten Blick ersichtlich.

Während wir an einem Tisch sofort sehen welche Hölzer verarbeitet wurden, wo geklebt, vernagelt und verziert wurde, so liegt hingegen ein fertiger Text oder Satz in einer Zeitung, einem Fachmagazin oder als Werbebotschaft abgeschlossen vor uns. 

 
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Der Fotograf Todd McLellan hat ein Faible für Kombination und Verbindungen. In seiner Reihe “Things Come Apart” zerlegt er Alltagsgegenstände in ihre Einzelteile und zeigt die Komplexität scheinbar einfacher Gegenstände auf.

Natürlich hat auch dieser Satz die unterschiedlichsten Verwandlungsschritte durchgemacht, bis er diesen Endzustand annimmt. Der oder die Schreibende hat sich ebenso eine Vielzahl von Werkzeugen zu eigen gemacht. Argumente logisch strukturieren und geeignete Hintergrundinformationen zusammentragen gehören dabei nur zur Grundausstattung. Ebenso wurde ein adäquates Format gewählt, das dem Inhalt zu einer ihm gerechten Form verhelfen sollte. Im bunten Kasten der Sprache wurde zur Verzierung und Verstärkung dieser Argumente zu stärkenden und abschwächenden Formulierungen gegriffen.  

Natürlich schwebt hier über den geistigen Produkten immer wieder das dunkle Damoklesschwert der Kopie, der Täuschung und des Hin- und Herschiebens von Ideen. Doch in einer Zeit, in der digital immer schneller und mehr produziert wird, Content erzeugt werden kann, ohne dass Menschen an der direkten Entstehung beteiligt sind und sich tiefgehende Gedanken darüber machen müssen, ist es umso wichtiger, sich mit der Entstehung von geistigen Produkten auseinanderzusetzen und die Zeit und Kraft für ihre Entstehung als das wertzuschätzen, was es ist – ein komplexes Handwerk.