When Vincent met Madame Chrysanthème.

„Meine gesamte Arbeit beruht bis zu einem gewissen Grad auf japanischer Kunst …“

– Brief von Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo, Arles, 15. Juli 1888


 

… und als er das Buch zur Seite legte, wurde ihm klar, dass er noch nie zuvor eine solch ehrenhafte, bodenständige Welt voller Lebenskraft erfahren hatte wie jene der Madame Chrysanthème. Während er sich rasierte, entflogen seine Gedanken der Gegenwart, um sich ein einfaches Leben, geprägt von Verzicht, zu imaginieren. Wie schön es war, sich auf die kleinen, vielsagenden Details der unberührten, ursprünglichen Natur zu konzentrieren. Er dachte bei sich: „Weise und kluge Männer verbringen ihre Zeit nicht damit, die Politik Bismarcks oder die Entfernung zwischen Erde und Mond ergründen zu wollen, sie widmen sich vielmehr einem einzelnen Grashalm …“

Wie zahlreiche andere Künstler auch war Vincent van Gogh fasziniert von der damals neuen und exotischen Kunst, die von Japan ausgehend in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Europa einströmte. 1853 war das restriktive Tokugawa-Shogunat gezwungen worden, sich dem Westen zu öffnen, womit die 220 Jahre währende Isolation Japans zu Ende ging, die als „sakoku“ in die Geschichte einging. Von da an gelangten die Meisterwerke eines Hokusai oder Hiroshige in die Galerien und auf die Kunstmärkte Europas, ebenso wie breitenwirksame Güter wie Fächer, Sonnenschirme oder japanische Lackwaren.

Im Jahr 1883, einige Jahre nach Vincent van Goghs erster Begegnung mit japanischer Kunst, erreichte der „Japan-Hype” seinen Höhepunkt. Als van Gogh 1886 nach Paris zog, war das Angebot an japanischer Kunst so umfangreich, dass die Preise bereits drastisch gesunken waren. Daher konnte sich auch der wenig wohlhabende van Gogh eine Sammlung zulegen. Er war zutiefst fasziniert von der Verbundenheit mit der Natur, die er in dieser ihm unbekannten, neuen Kunst entdeckte. In ihr fand er schließlich, auf seiner unaufhörlichen Suche nach neuer Inspiration, Beispiele für jene Geisteshaltung, die er benötigte, um seiner eigenen Kunst neue Impulse zu verleihen.

Nicht nur der neue Ansatz war es, der ihn faszinierte, es waren vielmehr die unbekannten und ungewöhnlichen Ingredienzien der japanischen Drucke, die einen solch nachhaltigen Eindruck auf ihm hinterließen. Mit jedem neuen Werk, das den Weg in seine Sammlung fand, wurde er sich mehr und mehr der Möglichkeiten dieser neuen Art der räumlichen Konzeption gewahr: Die Objekte im Vordergrund wurden vergrößert dargestellt, der Horizont für gewöhnlich ausgespart und der Mittelgrund frei gelassen, wodurch dem Betrachter Raum für seine eigenen Vorstellungen geboten wurde. Und im Gegensatz zur zeitgenössischen Farbpalette hauchten die strahlend exotische Farbgebung und die kühnen Konturen den exotischen Erzählungen ein völlig neues Leben ein. Es war ein neuer Blick auf die Welt, eine neue Art, Ideen zu vermitteln; es öffnete im wahrsten Sinne des Wortes die Augen dafür, dass traditionelle Gestaltungsweisen geändert werden konnten.

Ab 1887 begann Vincent van Gogh, diese neuen, ungewöhnlichen Techniken in sein künstlerisches Schaffen aufzunehmen. Treibende Kraft hinter seiner Bewunderung für japanische Kunst war sein Freund Émile Bernard, dem es stets ein Anliegen war, neue Vorstellungen dazu zu entwickeln, wohin die damals moderne Kunst sich bewegen sollte. Inspiriert von Bernard begann van Gogh, flächigen Darstellungen gegenüber dem Eindruck von Tiefe den Vorzug zu geben, und kombinierte dies mit seiner charakteristischen pointillistischen Pinselführung. Zu Beginn jedoch stellte er vor allem bestehende Drucke in seinen Gemälden neu zusammen, vergrößerte und kopierte sie. Ein exzellentes Beispiel für diesen Ansatz ist das Porträt des Kaufmannes und Galeristen Julien Tanguy, genannt „Père Tanguy“. Van Gogh umgab den einfach dargestellten Tanguy mit mehreren Ukiyo-e-Drucken, von denen er einige auch in späteren Arbeiten wiederholt verwendete, wie etwa die Kurtisane (in der unteren rechten Ecke des Gemäldes abgebildet). 

 
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Vincent van Gogh, Porträt des Père Tanguy im bretonischen Kostüm vor einer Sammlung japanischer Drucke, 1887, Musée Rodin, Paris

Ukiyo-e – Holzdrucke und Gemälde, wörtlich „Bilder einer fließenden Welt“ – waren die beliebteste Kunstform in Japan zur Zeit des Tokugawa-Shogunats. Wurden sie anfänglich von Hand auf Rollen oder Paravents gemalt, wandten sich die Künstler später in dem Maße den preiswerteren Holzschnitten zu, als sie zu den meistgefragten Kunstwerken wurden. Die Ukiyo-e entstanden aus der realistischen

Erzählkunst der „emaki“-Bildrollen und der reiferen dekorativen Kunst der Azuchi-Momoyama-Zeit und der Tokugawa-Zeit (1573-1868). Obgleich der Begriff „ukiyo” dem Buddhismus entsprang und die Vergänglichkeit des Lebens beinhaltete, wurde er später zu einem zeitgenössischen Synomym für die Lust am Leben, die kennzeichnend war für einen urbanen, sinnesfreudigen Lebensstil. Während sich in den Anfängen das flüchtige Wesen dieser Kunstform in Naturdarstellungen widerspiegelte, zeichnen die späteren Ukiyo-e in steigendem Maße ein Bild der vergänglichen Welt der Vergnügungsviertel von Edo/Tokio, Osaka und Kyoto. Und doch war dies nur eine erneuerte Weiterführung und Variation der ursprünglichen Idee, Bilder unter der Verwendung von Motiven des eigenen Umfelds zu malen, die der persönlichen Erfahrung entsprangen.

Die Beschäftigung mit Ukiyo-e-Drucken in Paris lehrte Vincent van Gogh, mehr “mit japanischen Augen“ zu sehen. Dennoch vermisste er etwas: Die heiteren Farben und die Klarheit der Luft, so meinte er, könnten nur in der Landschaft des Südens gefunden werden – eine Ansicht, die er mit seinem Freund Paul Gauguin teilte. Und so geschah es, dass er seine Sammlung in Paris bei seinem Bruder Theo ließ und sich in die anregende Landschaft der Provence aufmachte, in die Stadt Arles.

 
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Vincent van Gogh, Selbstporträt, Gauguin gewidmet (Bonze), 1888, Fogg Art Museum, Cambridge (Massachusetts)

Obwohl er die farbenfrohen Drucke weiterhin liebte, verflüchtigte sich sein Enthusiasmus, und ihre Bedeutung als sein wichtigster künstlerischer Einfluss schwand. Zu jener Zeit entdeckte er das strenge, ethische Leben der buddhistischen Mönche im Roman um Madame Chrysanthème. Es war mehr als bloß die Beschäftigung mit einer anderen Lebensart: Van Gogh träumte davon, eine Gemeinschaft zu gründen, die sich am Leben der buddhistischen Mönche orientierte, die er getroffen hatte. Zum ersten Treffen erschien allerdings lediglich sein Freund Gauguin, und seine Begeisterung schmolz weiter.

Zu jenem Zeitpunkt hatte er jedoch die wesentlichen Elemente der japanischen Kunst bereits verinnerlicht und integrierte sie in der Folgezeit mehr oder weniger ausgeprägt in seinen Stil. Als ausgezeichnetes Beispiel hierfür kann seine „Mandelblüte“ aus dem Jahr 1890 dienen. Die gewagten Konturen und die zentrale Positionierung des Baumes machen das Gemälde zu einem herausragenden Exemplar japanischer Druckkunst. Van Gogh malte es als Geschenk an seinen neugeborenen Neffen. Als er die frohe Kunde von dessen Geburt erhielt, wollte er der jungen Familie ein Symbol des Erwachens und der Hoffnung schenken, das über dem Bett des Neugeborenen hängen sollte.

 
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Vincent van Gogh, Mandelblüte, 1890, Fogg Art Museum, Cambridge (Massachusetts)

Traurig, dass auch dieses freudige Ereignis die schwere Krankheit nicht überdecken konnte, an der Vincent van Gogh litt. Nur fünf Monate, nachdem er seine Arbeit an den vor Leben strotzenden weißen Blüten beendet hatte, konnte er seine psychischen Probleme nicht länger ertragen und beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Zwei Jahre intensiven Malens, zwei Jahre der Hingabe an die japanische Kunst haben Spuren in seinem Œuvre hinterlassen. Und es ist tatsächlich zutreffend zu behaupten, dass nicht nur sein Werk, sondern das Werk aller Künstler, die sich von ihm inspirieren ließen, bis zu einem gewissen Grad auf japanischer Kunst beruht.