United States of Eurasia

Räumlich, politisch, wirtschaftlich – die Verbindungen zwischen Europa und Asien ziehen sich durch alle Epochen und Teile der Gesellschaft. Eine Einordnung zwischen Rückblick und Aufbruch.

 

 

Alles begann in der Trias. Der Ur-Kontinent Pangaea war im Auseinanderbrechen begriffen und in den ersten marinen Rissen entwickelte sich buntes Leben, das den Planeten in den folgenden 200 Millionen Jahren mit einem nie gekannten Artenreichtum bevölkern sollte. Seit diesem Zeitalter existiert eine bis heute unveränderte Verbindung: Eurasien. Ein Kontinent der klimatischen, biologischen und, seit einem Wimpernschlag der Geschichte, kulturellen Vielfalt. Doch spricht man im Fall von Eurasien wirklich von einem Kontinent oder sind es nicht vielmehr zwei?

In der öffentlichen Wahrnehmung hat eines der bekanntesten Symbole der Gegenwart die Zählweise der Kontinente stark beeinflusst: die olympischen Ringe. Es gibt keine Belege dafür, welche fünf Kontinente Pierre de Coubertin bei ihrer Gestaltung im Jahre 1913 im Sinn hatte. Da die Antarktis jedoch bis heute keine Olympioniken zu sportlichen Großereignissen entsandt hat, spricht einiges dafür, dass er die Welt in Europa, Asien, Afrika, Ozeanien und Amerika teilte. Die Verwirrung über die vielfältigen Zählweisen kommt vorrangig durch die konstitutiven Kriterien für einen Kontinent zustande. In der gegenwärtigen europäischen Perspektive wird eine Trennung zwischen Asien und Europa hauptsächlich kulturell und politisch beschrieben. Doch die so gezogenen Grenzen zwischen Europa und Asien waren in allen Epochen immer mehr soziale Konstrukte als geografische Tatsachen. Wie viel Uneinigkeit dabei herrschen kann, zeigt allein die Frage, wie viel der türkischen Landesfläche zu Europa oder zu Asien gehöre.

In der historischen Perspektive mag es verständlich sein, dass sich die gedankliche Trennung Europa – Asien über Jahrhunderte gefestigt hat. Zu viel trennte die Kulturen an räumlicher Distanz. Die wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen zwischen den beiden Enden der Landmasse waren jedoch immer gegenwärtig. Als wahrscheinlich wichtigstes und imposantestes Beispiel dieser Vergangenheit gilt bis heute die Seidenstraße, auf der wertvollste Güter in einem komplexen logistischen System ihren Weg nach Europa fanden. Es ist daher wenig überraschend, dass der Begriff „Seidenstraße“ auch heute wieder gerne für transkontinentale Großprojekte adaptiert wird.

Doch auch kulturelle Initiativen bedienen sich dieser historischen und bildreichen Metaphorik. Als der Cellist Yo-Yo Ma im Jahr 1998 das Silk Road Project ins Leben rief, standen dabei vorrangig die diversen kulturellen Traditionen entlang der historischen Handelsroute im Mittelpunkt. Mit der Zeit entwickelte sich das Projekt dann zu einer Plattform der Inklusion und Vernetzung von KünstlerInnen aus den unterschiedlichsten Kulturen, die bis heute besteht und so eine moderne gesellschaftliche Verbindung anstrebt.

 
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The reports of the Venetian adventurer Marco Polo provide the oldest insights in intercultural connections between Europe and Asia. Yet sometimes reality and fiction are hard to tell apart.

Ging die Bedeutung der Seidenstraße mit dem 13. Jahrhundert zwar zurück, öffneten sich jedoch in den folgenden Jahrhunderten neue Wege für einen intensiven Austausch auf kultureller und wirtschaftlicher Ebene. Dass dieser Austausch nicht immer gleichberechtigt stattfand, zeigt insbesondere die Geschichte der europäischen Kolonien in Asien. Nach intensiven politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im 20. Jahrhundert, sowohl in Europa als auch Asien, ging mit der Übergabe Hongkongs von Großbritannien an China am 1. Juli 1997 nicht nur eine der letzten Kolonialherrschaften in Asien zu Ende. Es ist zugleich ein symbolischer Wendepunkt für die Verschiebung des Einflusses in politischen und wirtschaftlichen Fragen von West nach Ost.

Eine in diesem Zusammenhang oft gestellte Frage ist, wann China die USA als wirtschaftliche Supermacht überholen wird. Weitaus interessanter ist jedoch, inwieweit im Zuge dessen auch Chinas kultureller und gesellschaftlicher Einfluss wächst? Werden in Zukunft chinesische Ideen eine ähnliche Vorreiter- und Einflussrolle bekommen wie die US-amerikanische Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Und wenn ja: Welche werden es sein? Und wie sieht der Einfluss auf den europäischen Kulturkreis aus? Mit Blick auf diese intensiven Veränderungen darf Europa zukünftig nicht zu einem großen Museum der Vergangenheit verkommen. Vielmehr muss die geistige Freiheit, die mit der Aufklärung in Europa ihren Anfang nahm, auch heute mutige, selbstbewusste und progressive Ideen hervorbringen, die wirtschaftliche Entwicklungen mit humanistischen Idealen verbindet.

Eine Verbindung, die seit 200 Millionen Jahren geografisch Bestand hat, steht daher nun am Anfang, sich auch geistig und kulturell zu vollziehen. Die europäische und asiatische Geschichte wird in Zukunft gemeinsam geschrieben werden. Mit welchen Kapiteln und in welcher Handschrift gilt es nicht nur herauszufinden, sondern gleichermaßen mitzugestalten.