The Perfection of Imperfection

Die Kunst der Raku-Keramik ist gleichsam ein Appell, die kleinen Makel und Fehler, die uns umgeben, schätzen zu lernen. Sie zeigt uns auf erfrischende Weise, dass die Wahrnehmung von Ästhetik sehr verschieden ausgestaltet sein kann.

 

 

In den meisten Fällen würden wir wohl den schwer zu fassenden Zustand der Perfektion als Makellosigkeit, Fehlerfreiheit – oder mehr noch: Unberührtheit – beschreiben. In einem anderen Sinn kann sich der Begriff auch auf eine meisterhaft beherrschte Fertigkeit, auf den maximal erreichbaren Stand der Technik beziehen. Wenn man jedoch die Etymologie, also die Wortherkunft betrachtet, verweist es auf etwas, das abgeschlossen ist … erledigt. In einem unveränderlichen Zustand.

Die individuelle Definition des Wortes Perfektion mag sich wohl dem jeweiligen Kontext, der jeweiligen Situation anpassen. In dem Maße, wie elektronische Geräte zahlreiche Aspekte unseres Lebens übernehmen, steigt jedoch auch die Bedeutung von Kontinuität und Beständigkeit. Es ist ärgerlich, wenn jeder kleine Aspekt des täglichen Lebens eine eigene App, ein bestimmtes Gerät erfordert. Und wenn wir darauf warten müssen, dass sich ein bestimmtes Gerät endlich verbinden lässt, fühlt sich das an, als würden wir wertvolle Lebenszeit verschwenden. Zu komplex und zu zeitaufwändig. Ob wir uns dessen gewahr werden oder nicht, das ständige Umgebensein von technologischen Features könnte das Streben nach dem perfekten Job, der perfekten Beziehung, dem perfekten … – was auch immer – auf die Spitze treiben … und dann wirft der kleinste Makel einen Schatten auf das ach so ersehnte Ergebnis. 

Auch wenn das nicht unmittelbar ins Auge fällt, so suggeriert uns doch die Herkunft des Wortes Perfektion, dass man letztlich im realen Leben eine Art „Endstation“ in dem Sinne erreichen kann, dass man eine Lebensphase in ihrer Gesamtheit abschließt. Doch wie sollte im Verlauf des Lebens an einem bestimmten Punkt ein radikaler Schlussstrich gezogen werden können? Die Vergänglichkeit des Lebens ist Fluch und Segen zugleich. Doch bevor wir uns darüber beklagen, sollten wir uns eingehender damit beschäftigen, wie wir die Vergänglichkeit und Unvollkommenheit des Lebens, also seine Imperfektion, annehmen und sogar bereitwillig zulassen zu können.

Es war im Japan des 16. Jahrhunderts, als der Töpfer Tanaka Chojiro von Meister Sen no Rikyu mit der Aufgabe betraut wurde, neue Tonwaren für dessen traditionelle Teezeremonien zu erschaffen. Im Laufe dieses prestigeträchtigen Auftrags wandte sich Chojiro von den bestehenden Keramik-Stilen und den farbenfrohen, aus China importierten Bleiglasurwaren (Sancai) ab, die sich zu jener Zeit höchster Beliebtheit erfreuten. Mit diesem neuen Ansatz legte er den Grundstein dafür, was später als Raku-Keramik berühmt werden sollte. Anstatt den gängigen Stil zu kopieren, versuchte er, Eigenschaften wie Individualität, Einzigartigkeit und Unvollkommenheit Gestalt zu verleihen, indem er das Gefäß von Hand formte und auf die Töpferscheibe verzichtete. Überwiegend gedämpfte, monochrome Farbgebung auf rotem Ton verliehen den Tonwaren ein zurückhaltendes, ruhiges, ja unprätentiöses Aussehen. Der wesentlichste Unterschied ist jedoch auf die unkonventionelle Brenntechnik zurückzuführen: Die kürzere Brenndauer des Tonguts und seine raschere Abkühlung führten zu chemischen Prozessen, die unerwartete, vom Zufall abhängige Auswirkungen auf die Oberflächenstruktur zeigten.

 

Kat Evans’ asymmetrical sculptures speak of the processes that made them: pinching, coiling and paddling. Hours of careful and deliberate burnishing create a perfectly smooth canvas for a dramatic, but intentional, smoke firing. Kat collects and receives combustible materials including dry leaves, seed heads and coffee grounds. The white hot sculptures are removed from the raku kiln and immediately brought into contact with this detritus. At this point, control gives way to chance. Time stops. The still porous surfaces record the smoke patterns and traces of carefully gathered materials. Work which survives the thermal shock is cleaned and polished. The resulting sculptures encourage interaction: touching the unglazed surface and viewing the angular shapes from different perspectives. Kat lives in Manchester and works in Stoke-on-Trent, UK. 

Diese für Chojiro typischen Werke waren jedoch kein Ergebnis von systematischem Ausprobieren oder davon, dass er seiner Kreativität freien Lauf ließ. Im Zuge des intensiven Austauschs mit China, der während der Kamakura-Zeit (1185 – 1333) wieder einsetzte und sich später in der Muromachi-Zeit (1336 – 1573) intensivierte, fanden auch die Ideen des Zen-Buddhismus – Vergänglichkeit und Unvollkommenheit – ihren Weg nach Japan. Ausgehend von der Beobachtung der Natur wurden diese Prinzipien auch auf den Menschen und von ihm gefertigte Gegenstände angewendet. Die konkrete Ausformung dieser Vorstellungen führte geradewegs zu dem ästhetischen Konzept des Wabi-Sabi, dessen zentraler Gedanke besagte, dass Alter und Patina erlesenste Reife und geschmackvolles Aussehen, sei es nun in Hinblick auf Gegenstände, aber auch Lebensmomente, nach sich zögen. Alles, was regelmäßig und makellos war, wurde hingegen abgelehnt. Die Popularität der Raku-Keramik ist bis zum heutigen Tag ungebrochen. Können jedoch ihre wesentlichen Grundlagen – Demut, geschmackvolle Zurückhaltung, einfache Natürlichkeit – vielleicht einen Beitrag leisten zu einer Neudefinition von Perfektion?

Vereinfacht ausgedrückt birgt diese Keramik einen Appell, sich überraschen zu lassen, den Zufall zuzulassen, mehr noch: bereit zu sein, das Unvorhersehbare als eine das Leben bereichernde Facette willkommen zu heißen. Sie beinhaltet darüber hinaus nicht nur, dass die Erwartung bezüglich eines erwünschten Ergebnisses niedriger gehalten wird, sondern formt auch Charakter und Persönlichkeit. Der zarte Sprung, der winzige Makel: Sie wollen in Wirklichkeit eine Geschichte erzählen, eins werden mit der Geschichte schlechthin. Der allzu glatte, immer gleiche Weg mag zwar jener sein, der logisch erscheint; er erzeugt jedoch nur Vorhersehbarkeit und Langeweile.

Und so, als würde man Geige üben, kann man sich auch darin üben, das Unvollkommene in sich selbst und der Umwelt zu erkennen, ja ihm zu huldigen. Das Unvollkommene mit der ihm innewohnenden Überraschung und Unbeständigkeit könnte genau jene Perfektion sein, nach der wir streben.