Jamie Edler's Connecting Lines

Nur wenige Illustratoren verstehen es, entgegengesetzte kulturelle Elemente auf eine Weise zu verbinden, wie dies Jamie Edler gelingt. Mit seinem Werk verkörpert er das Bereichernde an der Interkulturalität und die Verbindungen, die sie schafft. Und seine persönlichen Erfahrungen erzählen von Leidenschaft und Einfühlungsvermögen zugleich.

 

Es ist ein strahlend schöner Tag im Osten Londons. Sonnenstrahlen wandern über die liebevoll zusammengestellte Sammlung von Fotografien und Drucken an der Wand, darunter Hokusais „Große Welle“, eine Holografie zweier chinesischer Babys und eine einfache Einladung: „Visit Japan“. Sie dient dem jungen englischen Illustrator Jamie Edler als ständige Inspirationsquelle. Sein unverwechselbarer Stil, mit dem er Geschichten und Situationen lebendig werden lässt, ist eines der besten Beispiele dafür, wie Elemente östlichen und westlichen Grafikdesigns in Kombination etwas Neues und Unnachahmliches schaffen. Seine verblüffenden Arbeiten entspringen seiner lebenslangen Faszination für östliche Kulturen, die er sowohl studiert als auch selbst erlebt hat.

Einige Jahre zuvor. Nach abgeschlossener Schule – seinem Kunstlehrer fiel es nicht immer leicht, seinen eigenwilligen Zeichenstil zu akzeptieren – beschloss der frisch gebackene Abiturient, ins Ausland zu gehen und in einer Kultur zu leben, „die sich so anders anfühlte als alles, was ich bis dahin kannte, und die mich aus der Komfortzone des Lebens bringen sollte“. Und während sich seine Freunde, mit Rucksäcken bepackt, an die überfüllten Strände Thailands und Vietnams aufmachten, entschied Jamie sich dafür, aus seiner Auszeit etwas mehr zu machen. Für acht Monate ließ er sich in der „kantigen, aber durchaus lebenswerten“ Stadt Wuxi, zwei Stunden westlich von Shanghai, nieder.

„Es ist eine völlig neue Erfahrung, wenn du dich dafür entscheidest, woanders zu leben. Du wirst immer ein Outsider bleiben, aber näher wirst du der Aufnahme in eine andere Kultur und Lebensweise nie kommen.“

Jamie begann, chinesische Jugendliche in seiner Muttersprache zu unterrichten. Neben dieser Aufgabe fand er jedoch auch immer wieder die Zeit, das Land von Norden bis Süden zu bereisen, das alte und das neue China auf eigene Faust zu entdecken. Von den hektischen Festlichkeiten in Shanghai anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes bis hin zu den ruhigen, ländlichen Gegenden des Nordens: Es war der Zustand, „etwas Unbekanntem ausgesetzt zu sein“, den Jamie Edler zutiefst genoss. Doch obwohl er zu jener Zeit ständig von einer Vielzahl neuartiger Eindrücke umgeben war, nahm Jamie nur selten die Feder zur Hand, um das Leben um ihn herum einzufangen. Allerdings schien er versessen darauf, Andenken und Eindrücke zu sammeln – und Souvenirs, die schließlich, als die Stunde der Heimkehr gekommen war, vier Koffer füllten. Ebenfalls dabei: die zwei holografischen Babys.

 
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Zurück in Großbritannien studierte Jamie an der Falmouth University, einem jungen, kreativen Hotspot an der Küste Cornwalls. Nun schließlich begannen seine Erfahrungen und seine Faszination für asiatische Kunst in seinen einzigartigen Illustrationsstil Eingang zu finden. Außer seiner Zeit in China war es vor allem japanisches Grafikdesign, das ihn nachhaltig beeinflusste. Die flächige, gewagte Ästhetik traditioneller Drucke und insbesondere die Platzierung von Text, hatte es ihm angetan. Jamie begann, Text verstärkt als grafisches und erzählerisches Mittel einzusetzen, und nicht so sehr dazu, eine Botschaft inhaltlich zu kommunizieren. Es ist ein Merkmal seiner Arbeiten, Botschaften subtiler und weniger aggressiv zu übermitteln.

„Mein Wunsch ist es, dass die Menschen selbst denken, und mit meiner Arbeit möchte ich ihnen Werkzeuge dafür in die Hand geben. Das bisschen Humor, das ich gerne mal drüberstreue, soll die Bedeutung der Themen nicht schmälern, sondern macht es hoffentlich leichter alles zu verdauen und es hat etwas Positives an sich: Ich denke, das ist viel effizienter als Menschen zu „sagen“, was sie denken sollen.“

Wenn er soziale Themen wie geistige Gesundheit oder die Anliegen der LGBT-Community anspricht, fühlt er sich mit diesem Ansatz der visuellen Kommunikation wesentlich wohler. Der zurückhaltende und schlichte Stil japanischer Kunst bietet hierfür die perfekten Werkzeuge. Immer wieder sollen Jamie Edlers Arbeiten zum Nachdenken anregen: Mit seiner fließenden, konturlosen Darstellung von Menschen in seinen Zeichnungen verwischt er die Grenzen zwischen Geschlechtern und Herkunft. Obgleich er sehr wohl eine Aussage und Emotionen vermittelt, gibt er damit dem Betrachter Raum für seine eigenen Interpretationen.

 
 

Während seiner Studienzeit wandte sich Jamie Edler auch einem anderen für die Entwicklung zeitgenössischer chinesischer Kunst wesentlichen Element zu: der Rolle der Zensur. Auch nur untersuchen zu wollen, ob Zensur für die Entwicklung der Zivilgesellschaft förderlich oder hinderlich ist, stellt aus westlicher Sicht eine ziemlich kontroversielle Position dar. Natürlich würde es niemandem in den Sinn kommen, Einschränkungen der Bürgerrechte positiv zu beurteilen, dennoch waren rückblickend Zeiten der Unterdrückung und des Zorns oft auch ein Katalysator für kreatives Schaffen. Als sich Jamie Edler in seiner Dissertation dieses schwierigen Themas annahm, wurde ihm bewusst, dass Künstler unterschiedlich auf Einschränkungen reagierten. Mit Blick auf die zeitgenössische Kunst beschäftigte er sich mit dem Werk zweier völlig verschiedener Künstler: von Ai Weiwei und Ren Hang.

Zu Beginn der 80er Jahre machten sich Ai Weiwei und die Künstlergruppe „Stars“ daran, bewusst an den bestehenden Grenzen zu rütteln. Der Einsatz von Ausdrucksformen sowjetischer oder westlicher Provenienz schockierte die Kunstszene des Landes, erregte im Westen jedoch nicht so viel Aufmerksamkeit. Erst später wurde diesem bedeutenden Kapitel der chinesischen Kunstgeschichte mehr Beachtung zuteil. Im Gegensatz dazu forderte Ren Hang, ein junger Fotograf, der sich 2017 das Leben nahm, die Zensur auf andere Art heraus. Indem er tat, was er eben gerne machte, geschah es einfach, dass seine zumeist Nacktfotografie mit spielerischen Elementen an die Grenzen des Erlaubten ging und kulturelle Tabus brach. Im Westen wurde sein Werk begeistert aufgenommen und in einer Vielzahl von Kampagnen und Ausstellungen gezeigt. Sein Erfolg – und der steigende Einfluss zeitgenössischer asiatischer Kunst im Allgemeinen – könnte laut Jamie Edler zwei Ursachen haben: Zum einen ist westliche Kunst „zahm“ geworden, im Gegensatz zu asiatischer Kunst. Sie hat ihre Fähigkeit verloren, zu schockieren, sensationell zu sein. Wenn alles möglich ist, überrascht nichts mehr. Zum anderen – und das erstaunt wohl kaum – haben es Künstler aufgrund der Niederschwelligkeit und Publicity des digitalen Zeitalters heute leichter, ihre Arbeiten anderen zugänglich zu machen, und das weltweit.

 
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Heute ist ganz klar nachvollziehbar, wie Jamie Edler seine eigenen Erfahrungen und seine nach wie vor lebendige Auseinandersetzung mit asiatischer Kunst und Gesellschaft in seinen lebendigen Illustrationen, die immer wieder von Magazinen wie etwa dem The Economist’s 1843 aufgegriffen werden, zusammenführt. Und dennoch beinhalten seine vielfältigen Illustrationen noch wesentlich mehr: die Fähigkeit, Gegensätzliches zu verbinden, ja miteinander zu versöhnen. Mit scharfem Blick, Leichtigkeit und einem Anflug von Humor zieht er die Betrachter in ein detailreiches Universum von Diversität im besten aller Sinne und erzeugt in ihnen ein unaufhörliches Spannungsfeld zwischen Eindrücken und Fantasie. Mit seiner Kunst zeigt er was die essentiellen Grundlagen eines kulturellen und sozialen Austauschs sein sollten.