Eine Frage der Perspektive

Die kulturelle Vielfalt des asiatischen Kontinents spiegelt sich auch in einer einzigartigen Diversität von Sprache und Schrift wider. – Ein Gespräch mit dem Schriftdesigner Lukas Paltram über die Herausforderungen und ästhetische Empfindungen bei der Gestaltung unbekannter Schriftsysteme.

 

 

Denken wir an unterschiedliche Sprachen, so haben wir auch immer ein – mehr oder weniger – genaues Bild dieser Sprache vor Augen. Genauer gesagt, ein Schriftbild der gesprochenen Sprache. Doch wird dabei oft vergessen, dass der schriftliche Ausdruck äußerst variabel ist. Ein gutes Beispiel dafür bieten die eng verwandten Sprachen Urdu und Hindi, von denen die eine in arabisch-persischer Nastaliq-Schrift und die andere in Devanagari geschrieben wird. Ein Unikum, das dazu führt, dass ein Austausch sprachlich zwar möglich ist, auf schriftlichem Weg jedoch schwierig, um nicht zu sagen unmöglich ist. Die diversen historischen Hintergründe einer Sprachfamilie zu verstehen und umzusetzen gehört zu den essenziellen Grundlagen in der Arbeit von Lukas Paltram, Kreativdirektor von Dalton Maag. Spezialisiert auf Schriftgestaltung entwickelte er mit seinen Kollegen unter anderem die Schrift Nokia Pure, die seit 2011 weltweit als Systemschrift des Handyherstellers genutzt wird. Die globale Verbreitung der finnischen Mobiltelefone erforderte dabei, dass die kreativen Vorgaben von Einfachheit (simplicity), Offenheit (openness) und Ruhe (quiet authority) in 19 verschiedene Schriftsysteme übertragen werden mussten. Im Gespräch gibt Lukas Paltram einen Einblick in die historischen Besonderheiten und seine Erfahrungen bei der Entwicklung asiatischer Schriftsysteme.
 

Bei der Entwicklung der „Nokia Pure“ warst du des Öfteren mit Schriftsystemen konfrontiert, die du selbst nicht lesen konntest. Welchen kreativen Ansatz verfolgst du in solchen Fällen?

Grundsätzlich basiert jedes Schriftsystem auf wiederkehrenden Formen und Regeln. Im ersten Schritt einer Neuentwicklung versucht man also, die ästhetische Essenz der Struktur herauszuarbeiten. Wenn man im nächsten Schritt anfängt, mit diesen geometrischen Formen zu spielen – und dadurch eine eigenständige Schrift zu entwickeln –, ist es wichtig, sich regelmäßig Feedback von Muttersprachlern einzuholen, denn das Gefühl, das wir bei der Betrachtung von lateinischen Schriften haben – ob es passt oder nicht passt –, lässt sich nicht immer 1:1 auf andere Schriftsysteme übertragen.
 

Wie sah dieser Prozess im Speziellen bei der Entwicklung von Sinhala – einer der Landessprachen Sri Lankas – für Nokia aus, für die du verantwortlich warst?

Die erste Schwierigkeit war, dass es maximal ein Dutzend verfügbarer Schriften gab. Davon waren ungefähr 5 „ordentlich“, konnten also als Inspirationsquelle herhalten. Dazu kam, dass es keine verfügbaren Standards gab, auf denen man hätte aufbauen können – was allerdings nicht ungewöhnlich ist für eine Sprache, die so komplex ist und nur selten als Systemschrift eingesetzt wird. Es kommt dann also auf die eigene Detailarbeit an. Man setzt sich mit allen Feinheiten der Schrift auseinander und versucht, die Bedeutung aller einzelnen Elemente zu erfassen.

 
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Eine Auswahl der entwickelten Nokia Pure Schriften hat ihren Platz über dem Schreibtisch von Lukas Paltram gefunden.

Eine Sprache, die ebenfalls sehr detailreich ist, ist Thai. Welche Erfahrungen hast du mit dieser Sprache gemacht?

Die Entwicklung des Thai-Schriftsystems ist wirklich interessant, da die Veränderungen im Schriftbild über die letzten 50 Jahre ein perfektes Beispiel dafür sind, was man heute auch oft unter dem Begriff „Latinization“ zusammenfasst. Ausgehend vom Einfluss westlicher Werbung und Produkte in den 1960er Jahren wurden stark vereinfachte, schon existierende Stile weiterentwickelt. Das ist vor allem deswegen interessant, weil Thai eine Sprache ist, die stark von sogenannten diakritischen Zeichen – wie Akzenten oder ‚Kringeln’ – lebt. Das Schriftbild wirkt für westliche Augen dadurch oft sehr dicht oder kontrastreich, wie man in der Schriftgestaltung sagt. Die neueren Schriften wirken hingegen deutlich leichter, kontrastärmer und kommen so dem westlichen Geschmack näher.
 

Gibt es andere Sprachen, bei denen ebenfalls eine „Latinization“ stattgefunden hat?

Ja, ein anderes gutes Beispiel ist Arabisch. Wobei hier der Ausgangspunkt ein etwas anderer ist, da es im Arabischen selbst verschiedene Schriftstile gibt, die sich stark unterscheiden und aus verschiedenen kalligrafischen Schulen entstanden sind. Einer davon ist der Kufi-Stil, eigentlich der älteste der arabischen Schriftstile. Er ist sehr geometrisch und lässt sich somit leicht an lateinische Schriftbilder anpassen. Doch auch hier gibt es verschiedene Geschmäcker in Bezug auf modernere und traditionellere Schriftstile. Diese Erfahrung haben wir bei Dalton Maag selbst auch schon gemacht.
 

Wie sah diese aus?

Bei der Entwicklung der Nokia Pure haben wir mit einem Team zusammengearbeitet, das überwiegend aus derselben Region des arabischen Sprachraums kam. Im Laufe des Prozesses haben Kollegen aus einer anderen Region auf die Schrift geschaut und gemeint: „So funktioniert das nicht, dafür werdet ihr wenig Akzeptanz bekommen.“ Es gibt also auch innerhalb eines Sprachraums sehr starke Unterschiede, wie verschiedene Stile aufgenommen werden.

 
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"Hier geht es ja nicht darum, dass sich jemand über das außergewöhnliche „g“ freut."

- Lukas Paltram

 

Um noch einmal auf die unterschiedliche Wahrnehmung eines Schriftbildes zurückzukommen: Bei welchen Sprachen ist der Unterschied besonders markant?

Beim japanischen Schriftsystem ist es recht schwierig, mit einem „lateinischen“ Blick heranzugehen. Das liegt vor allem an der extremen Vermischung verschiedenster Einflüsse. Zum einen gibt es im Japanischen die ‚Kanji’-Zeichen, die aus dem Chinesischen übernommen wurden. Zum anderen die ‚Kana’-Zeichen, die nur im japanischen System vorkommen und fast wie Buchstaben verwendet werden – zum Beispiel auch, um fremdsprachliche Wörter darzustellen. Wenn sich zu den dichten ‚Kanji’-Zeichen und den leichten ‚Kana’-Zeichen noch arabische Ziffern mischen, erzeugt das für unsere Augen manchmal ein etwas unruhiges Schriftbild.
 

Wo du gerade Chinesisch angesprochen hast: Wie sieht hier die kreative Gestaltung der Vielzahl an Schriftzeichen aus?

Wie anfangs erwähnt folgen alle Sprachen einem gewissen Muster, im Fall von Chinesisch ist dies eine Art Skelettstruktur. Auf Basis dessen werden Grundstriche entwickelt, sogenannte Radicals, die sich in verschiedenen Größen und Rotationen wiederholen oder unterschiedlich kombiniert werden. Mit dieser angelegten Bibliothek arbeitet man sich dann durch, was bei bis zu 30.000 Zeichen einige Zeit in Anspruch nehmen kann.
 

Das heißt, die einzelnen Schriftzeichen werden nicht aus dieser Bibliothek automatisiert zusammengesetzt?

Grundsätzlich ist das schon möglich, jedes Zeichen muss jedoch trotzdem überprüft und möglicherweise angepasst werden. Wir sind da aber nicht die Einzigen, die sich diesen Aufwand machen. Möchte man eine Schriftfamilie in China auf oder in einem Produkt auf den Markt bringen, wie es wiederum bei der Nokia Pure der Fall war, muss ein Mindestzeichensatz, bestehend aus den genannten 30.000 Zeichen, zur Kontrolle und Bestätigung den chinesischen Behörden vorgelegt werden. Dort wird dann festgestellt, ob die neue Schrift einem gewissen Standard entspricht. Und Standard ist hier ein ziemlich dehnbarer Begriff.
 

Unabhängig davon, welche Schrift du entwickelst: Was ist das größte Kompliment, das du für deine Arbeit bekommen kannst?

In erster Linie, wenn ich merke, dass die Schrift ihre Aufgabe erfüllt. Im Fall der Nokia Pure ist dies, so überraschend das klingt, wenn die Schrift nicht gesehen wird. Denn hier geht es ja vor allem um die Nachricht, die übermittelt wird, und nicht darum, dass sich jemand bei einer SMS über das außergewöhnliche „g“ freut.

 

Lukas Paltram ist Kreativdirektor der Londoner Agentur Dalton Maag. Er war bei der Entwicklung der Nokia Pure an 12 Schriftfamilien beteiligt.