Come Together!

Kooperationen mit KünstlerInnen der Gegenwart sind aus den Kollektionen großer Mode-Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Die Grenzen zwischen Hoch- und Massenkultur verschwimmen zusehends. Künstler wie der Japaner Takashi Murakami schließen den Kreis zwischen Vergangenheit und Gegenwart ebenso wie zwischen den Kulturen.

 

 

So alt wie die Menschheit selbst ist die Geschichte der Kooperation. Sie ist ein essenzieller Bestandteil der Entwicklung hin zur modernen Gesellschaft. Dieses zutiefst menschliche Verhalten prägte über viele Jahrhunderte auch die Art und Weise, wie Kunst geschaffen wurde. Die Auftragsmalerei für religiöse Institutionen oder den Adel war über lange Zeit eher die Regel als die Ausnahme. Auch wenn in der Abhängigkeit von wohlwollenden Geldgebern eine unabhängige Entfaltung nicht möglich war, bot sie doch einen Rahmen und die finanzielle Sicherheit, um kreativ arbeiten zu können. So mag zwar die allgegenwärtige Aneignung von Kunst durch kommerzielle Interessen einen leicht schalen Beigeschmack hervorrufen, doch mit Blick auf die Vergangenheit zeigt sich, dass sich damit nur eine neue Form der Kooperation entwickelt hat.

Kooperationen zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass Vorteile für alle Beteiligten entstehen. KünstlerInnen können den Marktwert der eigenen Arbeit steigern und für Unternehmen bietet sich die Möglichkeit, ein aufgebautes Image zu diversifizieren und neue – oft jüngere – Zielgruppen zu erreichen. Im besten Fall umgibt sie so ein Hauch von avantgardistischer Einzigartigkeit.

Weit entfernt davon, eine stilprägende Vorreiterrolle einzunehmen, war zur Jahrtausendwende Louis Vuitton. Das Image, das dem Label anhaftete, galt als verstaubt und wenig innovativ. Mit der Ausrichtung auf eine Kundschaft, die als gesetzt und experimentierfeindlich galt, lief man Gefahr, den Anschluss an eine jüngere Zielgruppe zu verlieren. Doch dies änderte sich schlagartig mit der Berufung von Marc Jacobs zum Chefdesigner des Labels im Jahr 1997. Er begann, die Zusammenarbeit mit Künstlern zu forcieren, und machte nicht einmal davor Halt, das „heilige“ Muster aus Blume, Stern und Raute zu verändern. Seine erste Kollektion, in Zusammenarbeit mit dem Graffitikünstler Stephen Sprouse, entfaltete daraufhin eine derart große gesellschaftliche Relevanz, dass uns auch heute noch der Stil dieser Kollektion – kopiert in einer bisweilen grotesk verunstalteten Form – von unzähligen Taschen des Labels Robin Ruth entgegenspringt.

Dies ist eine Annahme des Autors aufgrund der Ähnlichkeit des Stils und der Zeitnähe zwischen der ersten Kollektion unter Marc Jacobs und der Gründung der Firma Robin Ruth. Aufgrund der Relevanz dieser Kollektion ist eine Adaption auf ein Massenprodukt denkbar.

 
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Takashi Murakami reimagined Louis Vuitton's "holy" pattern in his "Superflat" style. The new design was used on a variety of accessories and bags.

Ebenso so mutig zeigte sich das Unternehmen im Jahr 2003, als es die Zusammenarbeit mit dem japanischen Künstlers Takashi Murakami aufnahm. Dieser übertrug seinen als „Superflat“ bezeichneten Stil dabei nicht nur auf zahlreiche Taschen und Accessoires, sondern eroberte gleichzeitig mit eindrucksvollen Ladengestaltungen die Innenstädte der Weltmetropolen. Die Stilmittel, mit denen Murakami in seinen Werken spielt – und die namensgebend sind –, entwickelte er aus den Perspektiven traditioneller japanischer Holzschnitte des 19. Jahrhunderts. Doch der Begriff „Superflat“ bezieht sich nicht nur auf die räumlichen Dimensionen seiner Gemälde und Skulpturen, sondern ebenso auf die wachsende popkulturelle Oberflächlichkeit, mit der Murakami in den 1960er und 1970er Jahren konfrontiert war: „Mein ästhetisches Gespür entwickelte sich in meiner Jugend aus dem, was mich umgab: die beengten Wohnverhältnisse Japans, aus denen ich ausbrechen konnte mit der Hilfe von Manga und Anime."

Doch japanische Animes, wie sie uns heute bekannt sind, als Form animierter Cartoons, wären nicht denkbar ohne die Arbeiten Osamu Tezukas. Seine Neuinterpretation klassischer Mangas Anfang der 1950er Jahre legte den Grundstein für einen Stil, der in nachfolgenden Generationen vollständig übernommen wurde. Tezuka galt als großer Fan Walt Disneys und es ist daher nicht verwunderlich, dass die heute charakteristischen Merkmale der Zeichentrickfiguren – große Augen und kindliche Proportionen – nicht selten als seine Interpretation der ersten Disney-Figuren angesehen wird. Figuren und Elemente japanischer Animes fanden sich so letztlich auch in den Werken Murakamis wieder.

 
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Tan Tan Bo Puking - a.k.a. Gero Tan, 2002 MCA Chicago, Chicago. (Photo: Adam Reich)

One of the most iconic paintings of Murakami's "Superflat" style which displays the synthesis of traditional Japanese graphic design and contemporary pop culture.

Aus dem anfänglichen Ziel, mit seinen Arbeiten in erster Linie Geld zu verdienen, hat Takashi Murakami nie ein Hehl gemacht. Es ist aber weniger die Art und Weise, mit der Murakami die eigene Kunst an den Massenmarkt „verkauft“ hat, die die Beschäftigung mit ihm so spannend macht. Es ist vielmehr der Weg, den seine Kunst genommen hat. Figuren und Elemente, entnommen aus gegenwärtigen und vergangenen Massenphänomenen, werden in abstrakter Form persifliert – oft pervertiert – und finden durch die Relevanz seiner Arbeiten wieder Einfluss in weiten Teilen der Gesellschaft, etwa in Form einer Louis-Vuitton-Kollektion. Es ist ein ständiger Übergang zwischen Hoch- und Massenkultur, und genau das erschwert die Einschätzung, ob – und wenn ja, wie – Murakamis Engagement als Verrat an der Kunst angesehen werden kann. Nur eines ist klar: Mit seinen vielfältigen Arbeiten schließt sich ein ästhetischer Kreis, der weite Wege gezogen hat – von der japanischen Holzschnittkunst des 19. Jahrhunderts über die amerikanische Cartoon-Welt Walt Disneys vereinte er Elemente aus scheinbar unvereinbaren Kulturkreisen.