A Constant Confrontation

Ideale und Überzeugungen entstehen aus der Konfrontation mit der eigenen Gegenwart und Vergangenheit. In seinem Essay „Lob des Schattens“ zeigt Tanizaki Jun’ichiro auf, was passiert, wenn unbekannte kulturelle Ideen Einfluss auf diese Konfrontation nehmen. Auch heute noch gibt das Werk Anhaltspunkte im Umgang mit Veränderungen.

 

 

Rückblickend auf die Traditionen seiner Kultur beschreibt Tanizaki Jun’ichiro in seinem Essay „Lob des Schattens“ die kulturelle Konfrontation der japanischen Ästhetik mit westlichen Schönheitsidealen und Stimmungsempfindungen im beginnenden 20. Jahrhundert. Es wäre außerordentlich falsch zu sagen, dass einem bei der Lektüre „ein Licht aufgeht“, ist es doch genau dieser allgegenwärtige Glanz und der Bezug zur Helligkeit in der westlichen Ästhetik, dessen Einfluss auf die Lebensumstände im Inselreich Tanizaki kritisiert.

Heute, beim Anblick der lichtüberströmten Stadtwirklichkeiten japanischer Städte, wirkt der Essay aus dem Jahr 1933 wie ein aus der Zeit gefallenes und rückwärtsgewandtes Schwelgen in der Vergangenheit. Die gegenwärtige Realität mag den Ideen Tanizakis zur Gestaltung von Wohnraum und -umgebung nicht mehr standhalten, doch seine Relevanz für die Gegenwart entfaltet der Essay auch heute noch aus der Gegenüberstellung von historischen Entwicklungen und ihren Auswirkungen auf zeitgenössische Schönheitsideale. Anschaulich zeigt Tanizaki die Veränderlichkeit kultureller Normen am Beispiel technologischer Innovationen auf. Er argumentiert, dass die Anwendung von physikalischen Prinzipien – wie also auch der Elektrizität – unter Betrachtung der japanischen Lebensumstände zu deutlich anderen Ergebnissen geführt hätte. Für Tanizaki ist klar, dass diese dem Charakter des Landes deutlich besser entsprochen hätten als die seinerzeit importierten Neuerungen aus Europa und den Vereinigten Staaten.

Er kritisiert von diesem Standpunkt aus den westlichen Drang, aus Räumen jedwede Form des Schattens und der Dunkelheit entfernen zu wollen. Denn für Tanizaki ist es gerade das Zusammenspiel von Licht und Schatten, in dem sich die Schönheit von Objekten widerspiegelt, und nicht in den (ausgeleuchteten) Objekten an sich. Die unterschiedliche Haltung in Bezug auf die Nutzung des Lichts ist für ihn auch ein Sinnbild im kulturellen Umgang mit beschwerlichen Lebenssituationen: „[...] wenn es an Licht fehlt, sei’s drum – dann vertiefen wir uns eben in die Dunkelheit und entdecken darin eine ihr eigene Schönheit. Demgegenüber sind die aktiven Menschen des Westens ständig auf der Suche nach besseren Verhältnissen.“

 

The art of letting be - A photograph by Frank Sinnema.

Since years this abandoned industrial place is revisited by the daily play of light and shadow. Glimpses of light stretch slowly towards the dark corners and light up what has been unseen. Yet just within hours the illumination fades away and leaves the space in the dark again.

Doch das Dunkle, der Schatten, als wiederkehrendes Element seiner Analyse von Lebenswirklichkeit und gesellschaftlichen Idealen bleibt nicht für sich allein. Einen weiteren Unterschied zwischen den Kulturen erkennt Tanizaki im Umgang mit der Veränderung und Vergänglichkeit von Objekten. So besinnt er sich auf die japanische Tradition der Kultivierung von Spuren und Schmutz, den Überresten jahrelanger Nutzung. Es entsteht eine Patina des Alters, in der sich ein Schimmer widerspiegelt, der das Herz besänftigt und die Nerven „in seltsamer Weise beruhigt“. Im Gegensatz dazu sieht er in der westlichen Kultur das andauernde Säubern und Polieren, welches die Reinheit und Unberührtheit als Ideal in den Vordergrund stellt und so auf das Verwischen der prägenden Vergangenheit abzielt.

Die Auswirkungen dieser – immer noch relevanten – westlichen Schönheitsideale auf unsere gegenwärtige Gesellschaft hat der koreanischstämmige deutsche Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han in seinem Buch „Die Errettung des Schönen“ untersucht. Ebenso wie Tanizakis Essay stellt auch Hans Text ein Beispiel für die kulturelle Konfrontation ästhetischer Ideale dar. Zentral für seine Ideen ist die Vorstellung von der Unvollkommenheit und Vergänglichkeit, die jeder Person und jedem Objekt innewohnt. Für Han bezeichnet dies den „natürlichen Zustand“. Der Drang zur Konservierung – im Sinne der Unveränderlichkeit – und Perfektion hingegen verdrängt jede Negativität. Es bleibt Glätte und Unverletzlichkeit, aus der eine Gesellschaft entsteht, die die Konfrontation scheut, die nicht verletzen und nicht verletzt werden möchte. Diese Sehnsucht nach Nicht-Konfrontation und Bekömmlichkeit spiegelt sich für Han auch im popkulturellen Erfolg Jeff Koons’ wider, in dessen Kunst es „[...] kein Desaster, keine Verletzung, keine Brüche, keine Risse, keine Nähte [gibt]. Sie gibt nichts zu deuten, zu entziffern oder zu denken. Sie ist eine Kunst des Like“.

Auch wenn die Texte Hans und Tanizakis mehr als 80 Jahre auseinanderliegen, finden ihre Botschaften in Bezug auf kulturelle Schönheitsideale und -vorstellungen immer wieder zusammen. Ihn ihnen zeigt sich der Appell, Dinge im Verborgenen zu lassen, nicht jedes Detail „pornografisch“ zu entblößen, sondern vielmehr Raum für die Unvollkommenheit und das Nicht-Offenkundige zu schaffen. Dies erzeugt zum einen Spannung und Charakter, zum anderen fordert es uns heraus, selbst auf die Suche zu gehen und das Verborgene zu denken. Doch genau diese Vorstellungskraft und notwendige Fantasie wird bedroht, wenn alles permanent sichtbar und öffentlich ist, wenn jede Vorstellung und jede Interaktion Gefahr läuft, kalkulier- und kontrollierbar zu werden.

Die Unklarheit und Unwissenheit, die das Nicht-Sichtbare schafft, mag unangenehm sein, doch nur diese Spannungen und die aufkommende Negativität können neues Wissen entstehen lassen. Wenn alles permanent bejaht wird, finden wir zum Stillstand. Im Falle Tanizakis führt die kulturelle Konfrontation – mit den Ideen und Technologien des Westens – zur Rückbesinnung auf die eigene Konfrontation mit der Vergangenheit – mit dem Schatten und der Verborgenheit. Und beide Formen eint das entstehende Wissen, das aus der Gegenüberstellung hervorgeht. Doch sie werden auch immer Geheimnisse in sich tragen, die eine fortwährende Beschäftigung, ja eine Konfrontation mit sich und der eigenen Vergangenheit notwendig machen.